Sportmedizin: Der Kampf des Jairo Samperio um sein Comeback – was Medizin und Reha bewegen können

 

Text: Mathias Schneider

Rund alle sechs Minuten reißt in Deutschland einem Menschen das Kreuzband. Und immer die gleiche Frage: Wird es jemals wieder wie zuvor? Und wenn ja: Wie nur? Und zu welchem Preis?  

Auf den Tag genau vor einem Jahr, am 23. August 2018, rissen dem Fußball-Profi Jairo Samperio nicht nur beide Kreuzbänder des rechten Knies, sondern noch dazu Innenband und Kapsel. Es war eine der schwersten Verletzungen der jüngeren Bundesliga-Geschichte. 

Was macht eine solche Verletzung mit einem Profisportler? 

Und ist eine Rückkehr in den Sport überhaupt denkbar, in Anbetracht größter Belastungen für das Gelenk?  

Das folgende Jahr würde Antworten auf die Fragen geben, was die moderne Medizin zu leisten im Stande ist? Und wie weit unser Körper in der Lage ist, ihr zu folgen? 

Der stern hat es dokumentiert. 

Prolog

Ein Dienstag im April 2019. Es ist der Tag, an dem der Panzer, der ihn bislang immer umgeben hat, Risse bekommt. Jairo Samperio, schwarze Jeans zum schwarze T-Shirt, sitzt an einem Tisch im Frühstücksraum des Hamburger Volksparkstadions.

Ein paar Meter entfernt windet sich der Kapitän Aaron Hundt nach einem sogenannten Faszieneinriss im Oberschenkel stretchend im Kraftraum auf dem Boden. Der Außenverteidiger Josha Vagnoman, am Innenband verletzt, marschiert bereits mit einem Handtuch um die Hüften in der Kabine in die Dusche.

Beide werden sie schon in wenigen Wochen wieder auf dem Platz stehen. Das normale Wechsel-Spiel aus dem Licht des Stadions und dem Schatten der Krafträume während einer Bundesliga-Saison, sie alle kennen das. 82,7 Prozent aller eingesetzten Profis in erster und zweiter Bundesliga verletzen sich statistisch gesehen mindestens ein Mal pro Saison. Knapp 28 Tage fehlt ein Spieler im Durchschnitt. Verletzung, Reha, Wettkampf – es ist der normale Dreiklang des Bundesliga-Profis. Er galt bislang auch für ihn.

Nicht dieses Mal.

Acht Monate liegt der Tag nun zurück, an dem sein Knie zerbrach und mit ihm alle Gewissheiten des Jairo Samperio, heute 26, die sein Profi-Leben bislang bestimmten. Vorderes und hinteres Kreuzband – gerissen. Innenband – gerissen. Kapsel – zerfetzt. Der HSV-Arzt Götz Welsch spricht von „einer der schwersten Knieverletzungen der jüngeren Bundesliga-Geschichte“. Um die eigene Familie geht es jetzt und ihre Rolle in seinem Kampf, als Samperio plötzlich die Stimme stockt. Seine Augen werden feucht.   

Jairo Samperio Mathias Schneider

stern-Redakteur Mathias Schneider (rechts) begleitete Jairo Samperio während der Reha-Zeit

Sie wirkten bislang in Gesprächen oft kontrolliert, als könne Ihnen die Verletzung nichts anhaben. 

Ich will immer zeigen, dass ich stark bin. Das ist nicht immer gut, ich weiß. Tatsächlich bin ich ein Mensch, der immer alles durchdenkt.

Was wühlt Sie auf?

Die Freundin, die Familie. An sie zu denken. Sie wissen: Ohne Fußball bin ich nicht der selbe Jairo. Wenn ich einen Grund zum Kämpfen brauche, denke ich an sie, denn sie sind stolz, wenn ich weiter dafür kämpfe, meinen Traum zu leben. Sie wissen, dass dieser eine Moment für mich der härteste Moment bislang überhaupt war.

Warum lässt Sie die Familie so emotional werden?

Wenn du weißt, dass es nicht 100 Prozent sicher ist, dass du zurückkommst, suchst du nach Gründen, die dir Energie verleihen. Ich gehe den Weg auch für sie. Jetzt kann ich darüber sprechen, nach siebeneinhalb Monaten.  

Wie oft verfolgt Sie der Unfall?

Ich wollte ihm keinen Raum geben. Aber manchmal, wenn ich allein in meiner Wohnung saß, kam alles wieder hoch. Mir standen dann die Haare auf dem Unterarm.“

Der Unfall   

Alles hatte seinen normalen Gang genommen an jenem Donnerstag, den 23. August 2018, gerade zwei Liga-Spiele war die Saison alt. In der HSV-Kantine hatte er sein Frühstück eingenommen, Rührei mit Schinken, ein Toast dazu. Kaffee. Dann lief Jairo Samperio die 20 Meter hinüber in den Kraftraum, stieg auf eines der Trimmräder, um die leicht verspannten Adduktoren vorzuwärmen. „Ich habe mich eigentlich normal gefühlt, stand unter keinem besonderen Stress. Ich wollte mich zeigen, wie bei jedem Training.“

Kurz darauf flog auch schon ein hoher Ball über den Trainingsplatz hinter dem Volksparkstadion, wie die installierte Trainingskamera dokumentieren wird. Einen Spieler im rosa Leibchen sieht man dort – es ist die Nachwuchskraft Fabian Gmeiner – und einen Spieler im blauen Dress des Hamburger SV. Aus unterschiedlichen Richtungen bewegen sie sich auf jenen Punkt zu, wo sie die Landung des Spielgerätes erwarten. Im selben Moment steigen beide zum Kopfball hoch – kein übertriebener Ellbogeneinsatz. Nur leicht kommt Gmeiner bei der Landung ins Straucheln.

Der Spieler in Blau dagegen stürzt und bleibt liegen. 

Jairo Samperio HSV

Der Moment, der alles veränderte: Jairo Samperio windet sich am 23. August 2018 nach einem Trainingsunfall auf dem Boden, hält sich das zerstörte Knie

„Ich hatte eigentlich genug Zeit, um meinen Körper zu kontrollieren, bevor ich wieder den Boden erreichte. Ich weiß bis heute nicht, warum ich mit gestreckten Füßen unten aufkam?“ Es ist eine Frage, die Jairo Samperio über Wochen umtreiben wird?

Warum nur?

Warum hatte ihn seine Körperwahrnehmung im Raum im Stich gelassen? Wo normalerweise der Fuß den größten Anteil der mächtigen Fliehkräfte abfedert, rauschte Samperio ungebremst mit der gesamten Wucht aus Körper und Gravitation in sein noch dazu leicht verdrehtes rechtes Knie. Wer den Moment des Aufpralls später in Zeitlupe verfolgt, sieht das Knie brechen, als knicke ein Streichholz. Samperio erinnert sich heute, wie „etwas heraus sprang. Und als ich das Knie am Boden wieder streckte, spürte ich, wie es wieder einrastete“. Das Etwas, es war sein Knie.

Als ich das Knie am Boden wieder streckte, spürte ich, wie es wieder einrastete

Der Schmerz kam schnell und roh und mit ihm die Tränen und die Wut auf sich selbst. Ein Golfcar brachte Samperio zurück in die Katakomben. Der Vereinsarzt Götz Welsch führte dort sogleich die ersten Beweglichkeitstests durch. „Ich habe Götz angesehen, dass er weiß, dass etwas Schwerwiegendes passiert ist.“ Sogleich habe er gespürt, dass etwas Neues im Begriff war zu beginnen in seinem Leben, doch es war nicht jener Neuanfang, den Jairo Samperio sich ersehnt hatte. 

Im Sommer 2018 waren er und der HSV aufeinandergetroffen, zwei lange Zeit etablierte Bundesligisten, ziemlich zerzaust von einem Jahr zum Vergessen. Samperio war wegen eines geplatzten Transfers zu Hannover 96 beim Bundesligisten Mainz 05 ins Abseits geraten,  kaum noch Einsätze gestattete der Trainer Sandro Schwarz Samperio im Herbst 2017. Nach Las Palmas ließ sich Samperio im Winter deshalb verleihen, doch es wurde nicht besser. Der Mann, der nie quer trieb, hing plötzlich im Transitbereich des professionellen Fußballs fest, Synonym für ein Business, in dem allzu oft Zufall und das richtige Gefühl für den richtigen Deal über Karrieren entscheidet. Lange eine stabile Aktie in einem volatilen Geschäft, sah Samperio seinen Wert im Frühjahr 2018 sinken.

Der HSV seinerseits büßte im Sommer 2018 seinen Nimbus als sogenannter Bundesliga-Dino endgültig ein, nachdem er bereits in den Jahren davor heftig mit dem Abstieg geflirtet hatte. Gemeinsam mit seinem neuen Spieler wollte der Klub sich nun durch den sofortigen Wiederaufstieg rehabilitieren.

Das Projekt HSV sei auf die Zukunft angelegt gewesen, nicht nur auf ein Jahr, sagt Samperio. Sollte er mindestens zehn Ligaspiele absolvieren und der Klub in die Bundesliga aufsteigen, würde sich sein Vertrag automatisch um zwei Jahre verlängern. Er zählte nicht zu den Topverdienern, doch glaubt man Kennern der Hamburger Gehaltsstruktur, so bezog er ein Gehalt im höheren sechsstelligen Bereich. Ein guter Deal, wenn auch nicht annährend so hoch dotiert wie die Wunderverträge von Pierre-Michel Lasogga (3,4 Millionen Euro) oder Kyriakos Papadopoulos (2,5 Millionen).   

Jairo Samperio

Das Projekt HSV war für Samperio auf Zukunft angelegt, nicht nur auf Zeit

Nun aber schoben ihn die Ärzte kurz nach dem Eintreffen im Krankenhaus in den Kernspin-Tomografen. Samperio sagt, der Moment, als Götz Welsch ihm die Diagnose überbrachte, habe ihn lange verfolgt, länger als etwa der Unfall selbst. „Er hat gesagt, das und das ist kaputt. Du hast Glück, dass deine Menisken und dein Knorpel nicht verletzt sind. Ich begann endgültig zu begreifen, was passiert war. Davor war da noch die Hoffnung, dass es vielleicht doch nur acht Wochen sind. Dann war klar, dass es viel mehr sein würde. Ich war wie in einem Schock.“

Es würde keine zehn Spiele und keinen automatischen Dreijahresvertrag geben. Aus einer noch immer jungen Stammkraft mit Potenzial war über Nacht ein schwer Geschädigter geworden.    

Denn ließe sich mit dem abgerissenen Innenband und der gesprengten Kapsel noch umgehen, so stellten die beiden gerissenen Kreuzbänder ein fundamentales Problem für den Therapieverlauf dar.

Beim häufig vorkommenden einfachen Kreuzbandriss, im Rang einer Volkskrankheit, ereilt er doch alle fünf bis sechs Minuten einen Bundesbürger, dient das gesunde Band dem Chirurgen als Kompass. Länge, vor allem aber Spannungsgrad der intakten Struktur zeigen ihm, wie er den Zwilling zu operieren hat. Bei Jairo Samperio würde der Arzt einen Blindflug durch das Knie wagen müssen. Das Steuerungsinstrument: die eigene Erfahrung.

Die Operation

Niemand kann behaupten, dass Karl-Heinz Frosch, 51, seinen neuesten Patienten mit falschen Hoffnungen bei Laune zu halten versuchte, als der ihm einen Tag nach dem Trainingsunfall vorgeführt wurde. Frosch, heute Klinikdirektor für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wusste um die Schwere des Falles, der da vor ihm saß. „Er sagte mir, dass es eine Chance gebe, zurück zu kommen, die liege aber nicht bei 100 Prozent“, sagt Samperio heute.

Im Kader der Nationalmannschaft stand Frosch einst, nicht im Fußball, sondern der nordischen Kombinierer; er weiß somit, was es heißt, sich alles im täglichen Training in der Loipe abzuverlangen. Nach einem langen Arbeitstag trübt am Abend in seinem Büro im UKE kein Schatten seinen Blick.

Knie Grafik

Aufbau des Knies

Es sind die kompliziertesten Fälle, die ihm auf den OP-Tisch geschoben werden. Der Orthopäde eines konkurrierenden Krankenhauses nennt es die „zerschredderten Knie“. Den Surf-Weltmeister Philipp Köster operierte Frosch vor drei Jahren nach einem Kreuz- und Innenbandriss samt Meniskusschaden, doch einen Fall wie Samperio hat er bislang im Hochleistungssport selten gesehen. „So eine Knieluxation ist schon eine schwere Verletzung, weil die Kapsel mit abreißt auf der Innenseite. Wenn sie ein Knie gewaltsam 90 Grad zur Seite stellen, reißt ihnen alles, was sich in einem 180-Grad-Radius befindet, durch. Mit so einer Verletzung leben selbst viele Normalbürger nach der OP mit Einschränkungen“, urteilt er sachlich. 

Was genau macht die OP so komplex?

„Wenn alles aufgerissen ist, müssen sie erst einmal überlegen: Womit fange ich an.“

Zuvor hatte Frosch allerdings noch eine Frage von mindestens genauso großer Tragweite zu klären: Wie würde er operieren?

Noch heute bleibt der Kreuzbandriss ein offenes Feld, was die Operationsoptionen anbelangt, vor allem, wenn es um das häufig gerissene vordere Kreuzband geht. Wo der eine Chirurg mit einer künstlichen Kreuzbandplastik arbeitet, ein anderer bei einer Teilruptur dazu rät, lieber auf die Selbstheilung des Körpers zu vertrauen, gilt bei vielen Ärzten heute das autologe – also körpereigene – Band als Mittel der Wahl.

Eine Sehne aus der Rückseite des Oberschenkels wird hierbei entnommen und als Kreuzbandersatz eingesetzt. Der Vorteil: Körpereigene Struktur ersetzt das Kreuzband, kein fremdes Material. Allerdings entsteht durch die Entnahme eine neue Schwachstelle. „Vor allem, wenn man für das fordere und hintere Kreuzband und auch noch für das Innenband Sehnen holt, wird der Mensch über hundert Meter nie mehr so schnell sein, wie er mal war“, weiß Frosch. „Einer, der auf hundert Meter sonst 11,0 Sekunden läuft, läuft dann halt nur noch 11,3.“ Für einen Flügelstürmer wie Samperio eine fundamentale Schwächung.

Aber müssen die Sehnen unbedingt aus der unteren Extremität kommen?

„Ja.“

Warum nicht aus dem Oberarm?

„Das reicht alles nicht aus von der Stärke her.“ 

Am Ende würde Frosch mit hochreißfesten Polyethylen-Fäden sämtliche Bänder flicken, wobei es zusammenziehen bei den Kreuzbändern wohl eher triff. „Wir nähen zwar auch die Kreuzbänder, aber eigentlich nur, damit sie sich wieder sauber finden und gut zusammenwachsen. Die Naht selbst würde zunächst in keiner Weise die Belastung halten.“

Die Vorteile lagen für ihn auf der Hand: Keine der Sehnen der langen Sprintermuskeln würden angetastet, auch die Koordinationsfähigkeit des Knies selbst wie auch die sogenannte Propriozeption, wie jene feinste Sensorik im Knie genannt wird, bliebe vorhanden, sobald sich die Nervenenden wieder gefunden hatten. Kein anderes Band – und sei es aus einem anderen Teil des Beines entnommen, vermag dagegen das Innenleben des Knies im gleichen Maße herzustellen. 

Und doch war die Methode in den letzten Jahren aus manchem OP-Kanon verschwunden. „Wir hatten nicht die richtigen Fäden, die wirklich hochreißfest waren“, sagt Frosch. 

Karl-Heinz Frosch

Karl-Heinz Frosch, Klinikdirektor für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Nicht allein auf seine eigene Fertigkeit würde Frosch bei seinem Verfahren vertrauen. Den Körper des Patienten selbst würde er sich zum Verbündeten machen. Denn wie Frosch nun erklärt, habe man zu Forschungszwecken einmal bei vergleichbaren Operationen die Wachstumsfaktoren des Blutes im Gelenk während der Operation gemessen. „Und die waren um ein Vielfaches höher als wenn zum Beispiel nur ein Kreuzband gerissen ist.“ Der Körper hatte somit eine Art Turbo-Booster in Sachen Heilung im Knie gezündet, um so die Schwachstelle zu beheben.

Die Zeit drängte, in jeder Hinsicht. Täglich behandelten die Ärzte Jairos mächtigen Erguss im Knie auf dem HSV-Trainingsgelände, führten Lymphdrainagen durch, um die Schwellung zu lindern. Nur wenn Samperio zeitnah die Reha wieder würde aufnehmen können, bestand überhaupt Hoffnung, dass er sportlich den Anschluss nicht gänzlich verlor. Genauso wichtig: Nur wenn das Knie noch jene wunderheilenden Kräfte verströmte, heilte das Band. Bereits nach zwei Wochen aber sei der Effekt verpufft. „Dann hätten wir Sehnen einziehen müssen“, sagt Frosch. 

Am 28. August 2018, fünf Tage nach dem folgenschweren Unfall, wurde Samperio um zehn Uhr in Zentralen Operationssaal des UKE-Hauptgebäudes geschoben, sein Traum lag nun in den Händen eines Fremden im weißen Kittel.  

Wie nervös ist man bei so viel Verantwortung? Frosch blickt, als habe er sich die Frage noch nie gestellt. „Eigentlich gar nicht. In so einem Fall bin ich aber schon maximal konzentriert, das muss ich schon sagen.“

Knapp zwei Stunden dauerte der Eingriff, der sich für Frosch wie das  Zusammensetzen eines hoch komplizierten Baukastens angefühle. Wie der Arzt später berichtet, habe er zunächst mit einem Schnitt längs neben der Kniescheibe das Knie geöffnet. Was folgte, war mindestens so sehr Biomechanik und Physik wie Medizin. Je zwei Kanäle trieb Frosch diagonal durch den Oberschenkelknochen und entsprechend zwei weitere durch den Unterschenkelkopf. Sie nahmen Fäden auf, die mit den beiden herausgerissenen Kreuzbandenden vernäht und am Ende der Operation festgezurrt und mit Titanplättchen außen am Knochen fixiert wurden.

Zunächst nähte Frosch aber die gerissene Gelenk-Kapsel zu. Es folgten die drei Anteile des Innenbandes – das hintere Schrägband, der tiefe Anteil des Innenbandes und zuletzt der oberflächliche Anteil. Das Nähen der vorderen Kapsel schloss diesen Teil der OP ab.

Bald würde Samperio wissen, ob Frosch seinem Knie den richtigen Spannungsgrad verschafft hatte.

Die Reha

Von wegen erst einmal durchatmen. Schon am zweiten Tag nach der Operation trat Frosch mit folgendem Auftrag an Samperios Bett: „Beginne sofort mit der Reha.“ Die Begründung: „Macht man in der Reha zu schnell zu viel, werden die Kreuzbänder zwar zu locker. Macht man zu wenig, wird das Knie aber steif. Alles vernarbt, das Knie verliert an Beweglichkeit.“

Jairo aber hing an einem Tropf mit Schmerzmitteln, die kleinste Bewegung verursachte die größten Schmerzen, jeder Toilettengang geriet zur Qual. Und was riet dieser Frosch: Vom ersten Tag an sollte jedes Grad an Beweglichkeit zurückerobert werden. Im Bett sollte Samperio sogleich das Bein in der Luft halten und die Kniescheibe zucken lassen, um so die Muskulatur zu trainieren.

Vorbei die Zeiten, als den genähten Strukturen erst einmal Ruhe eingeräumt wurde. Die Kreuzbänder mochten gerissen sein, das Knie noch so beweglich wie ein steifer Rohrstock, doch den Ansatz einer Kniebeuge verbot all das nicht. „Die neuromuskuläre Ansteuerung ist entscheidend. Man muss die Muskel-Sensorik so früh es geht wieder aktivieren“, rät etwa Sebastian Capel, Reha-Trainer beim Hamburger SV. Nur ein stimulierter Muskel behält das Koordinationsvermögen und bildet sich nicht zurück.

So stand Samperio bereits zwei Tage nach der OP an einer Tischkante, stützte die Hände ab und versuchte den Ansatz einer ersten leichten Kniebeuge, auch wenn sich das rechte Knie nur Zentimeter beugen ließ. Schritt für Schritt reduzierten die Ärzte die Betäubungsmittel in den ersten Tagen, entsprechend nahmen die Schmerzen in der Nacht zu. Mutter und Schwester waren angereist und versorgten Samperio vor und nach der OP mit selbstgekochtem Essen. Nach vier Tagen verließ er das Krankenhaus, begleitet von Gehilfen und einer Frage: Würde es noch einmal werden?

Kaum Raum wollte er gedanklich einem drohenden Karriereende schenken, nur kurz habe er den Fall durchgespielt. Er sagt, er habe sein Geld zusammen gehalten in den vergangenen Jahren, die Existenz sei somit erst einmal abgesichert. Kein Plan B deshalb, der ihm einen Ausweg ebnen und somit vor Widerständen leichter kapitulieren lassen würde. „Ich habe keine Exit-Option für den Fall, dass es nicht klappt. Das mag schwer für die Psyche sein, wenn es schiefgeht, aber ich will positiv bleiben“, erklärte er unmittelbar nach der OP.

Ich habe keine Exit-Option für den Fall, dass es nicht klappt 

In Hamburg absolvierte er seine Reha, um die Nähe zu Ärzten, Kollegen und dem ganzen Verein zu behalten, statt in der Heimat fernab des Arbeitgebers langsam in Vergessenheit zu geraten. Seine Energie wollte er bündeln, doch jede Nacht wurde er zunächst daran erinnert, wie es um ihn stand. „Ich konnte in den ersten Tagen nur im Sitzen schlafen, weil ich das Bein hochlegen musste. Die kleinste Bewegung verursachte Schmerzen.“

Seine Freundin Carmen Gómez setzte ihm die Thrombosespritze, fuhr ihn zur Physiotherapie zum UKE. Doch die Schmerzen blieben in der ersten Woche, auch die Morphintabletten änderten daran nichts. „Ich war wie tot.“

Er würde Neuland betreten in den nächsten Monaten, zum ersten Mal hatte ihn eine schwere Verletzung heimgesucht, nicht einmal operieren mussten sie ihn vor einigen Jahren wegen einer Innenbanddehnung. Auch deshalb vertraute er fortan jenen, die ihm ab sofort den Weg wiesen.

Auf zwei Krücken zog er sich vorwärts, als er Anfang September erstmals den etwa 50 Quadratmeter großen Fitnessraum der Physiotherapie des UKE-Athleticums betrat, um den ersten Teil seiner Reha in Angriff zu nehmen.  

Eine mächtige Orthese schlang sich um das rechte Knie, auf 110 Grad beschränkt. Nicht zu schnell sollte Samperio die Bewegungsamplitude erhöhen. Das neue Zauberwort in seinem Leben, es lautete ab sofort: Mobilität. Jedes Grad galt es einem Knie wieder abzutrotzen, das in den ersten Monaten zu bewegen ihn morgen für morgen zwei Minuten kostete.

„Wir haben zunächst die Orthese abgemacht, er lag am Boden auf dem Rücken und er versuchte, das operierte Knie ganz leicht zu beugen und zu strecken, bis das Knie blockierte“, erinnert sich der Sportwissenschaftler Marijo Kremic, der in den folgenden Wochen Samperios Training zunächst leiten würde.

Soweit wie nur möglich sollte Samperio danach den unter der Ferse des rechten Beins befindlichen Lappen zum Gesäß ziehen, zehn Wiederholungen, fünf Mal, keine Quälerei. Schon bald kamen einbeinige Kniebeugen fürs gesunde Bein, sowie Bankdrücken, Klimmzüge, Kniebeugen dazu. Die Hochleistungsmaschine sollte in Bewegung bleiben, keinesfalls durfte sie Rost ansetzen, oder, noch schlimmer, mehr PS als unbedingt nötig in Form von Muskelmasse verlieren.

Woche für Woche beugte Samperio nun sein rechtes Knie ein wenig mehr, in enger Abstimmung legten Frosch, Welsch und Kremic die Belastung fest. Der Physiotherapeut Benjamin Eisele knetete nach jedem Training die das Knie umgebenden Sehnenansätze und Muskeln. Wer ihn dabei beobachtete, erlebte einen Mann, der sich bisweilen mit der ganzen Masse seines Körpers auf Samperios Knie legte, um so seinen Daumen noch tiefer in die Strukturen zu treiben und fasziale Verklebungen zu lösen, bis seinem willigen Opfer die Tränen in die Augen schossen.

Nach gut zwei Wochen begann Samperio bereits mit leichtem Radfahren, bald würde auch in seiner Wohnung ein Fahrrad-Ergometer stehen. Zu Hause ließ er Strom mit einem Elektrostimulator über vier Elektroden durch seine Oberschenkel laufen, um jene Anteile zu aktivieren, die schwer ohne aktiven Sport zu erreichen sind. Ein Ziehen verspürte er bisweilen im Knie, dann war da ein Gefühl der Wärme am morgen, normale Reaktionen, zumal das Gelenk keine Schwellung zeigte.

Sie schätzten Samperios Bescheidenheit und seine Zuverlässigkeit. Einen sensiblen Kämpfer erlebten Ärzte, Physiotherapeuten und Trainer, aus dem manchmal auch ein kämpfender Sensibler wurde. Pünktlich fand sich Samperio täglich im Reha-Zentrum ein, trainierte konzentriert, auch unter Hochleistungs-Fußballern, deren Körper Kapital ist, bis heute nicht selbstverständlich.

Nach fünf Wochen begann die aktive Kräftigung beider Beine. Das Stoppschild: Jede Form von Schmerz. Bei aller Leistungsdiagnostik und Bewegungsvermessung bleiben die Signale des Körpers die verlässlichste Rückkopplung für jeden Reiz auf den Muskel. Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, welche Belastung bei wie viel Wiederholungen maximales Muskelwachstum fördert. Es würde für Samperio auch darauf ankommen, ein Gefühl für die Toleranz seines Körpers zu entwickeln.  

Am 12. Oktober, keine zwei Monate lag der Unfall zurück, hielt sich Jairo Samperio bereits an zwei von der Decke hängenden Schlaufen fest und vollzog Kniebeugen bis zu einem Winkel von 90 Grad. Außer einer Narbe, groß wie ein Schmiss am rechten Bein, bewegte er sich im Alltag bereits augenscheinlich völlig ungehemmt. An Muskulatur hatte er verloren, wenn er auch noch immer fit wirkte.

Weitere drei Grad der ersehnten Mobilität gewann er bis zum 23. Oktober, dann schien sich buchstäblich ein Riegel in seine Reha zu schieben. Mit einer Blockade reagierte das Knie plötzlich auf jeden weiteren Reiz. „Diese Wochen waren hart, ich konnte machen, was ich wollte, das Bein ließ sich nicht weiter beugen.“

Ich konnte machen, was ich wollte, das Bein ließ sich nicht weiter beugen.

Die Entscheidung für eine zweite Operation reifte schnell, denn es würde kein großer Eingriff werden. Karl-Heinz Frosch klingt, als habe er per Kniespiegelung nur einmal schnell durchgekehrt, als er feststellt: „Wir haben die Fäden gezogen, die Metallblättchen der Fäden entfernt und ein paar Narben am Kreuzband. Außerdem haben wir ihm noch den Innenbandansatz gelöst.“

Als Samperio den Operationssaal verließ, konnte er sein Knie auf einen Schlag 20 Grad mehr beugen. Schon bald erweiterten die Trainer  seine Fünftagewoche um einen sechsten Tag. Leichtes Jogging stand auf dem Programm. Der vierwöchige Weihnachtsurlaub in der spanischen Heimat vertrieb außerdem manchen schweren Gedanken.

Die beiden Athletiktrainer Kremic und Capel schrieben ihm die Trainingspläne für jene Zeit: Oberkörperkräftigung, Intervalltraining auf dem Rad, Schwimmen, Kniebeugen mit Ausfallschritt – Samperio trainierte noch nicht unter maximaler Belastung, doch immer stärker begann sein Training wieder dem eines Leistungssportlers zu gleichen. 

Der Testlauf

Bisweilen werden die kleinen Prüfungen einer großen Karriere unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestanden, und die Leistungserhebung, die am 17. Januar auf Jairo Samperio wartete, gehörte definitiv dazu. Die dritte Stufe des vierstufigen „Return-To-Activity-Test“ stand an. Belastungsgrad und Reha-Fortschritt ermittelt sie. An der Eingangshürde war Samperio im so frustrierenden November am 16.11.2018 noch gescheitert, doch nun schien ein Knoten geplatzt. Am 7. Januar hatte er Stufe eins gemeistert und tags darauf gleich Stufe zwei hinterher.

Noch einmal durchlief er jetzt alle Stufen: Lange Ausfallschritte in alle Richtungen, auf jeweils einem Bein, auf den Millimeter genau dokumentiert. Einbeinige Sprünge aus dem Stand so weit es geht nach vorn. Auf der Stelle tänzelte er wie ein Boxer und bewegte bereits in der Beinpresse Gewichte von bis zu 60 Prozent seiner maximalen Kraft. Ein fitter junger Mann stellte sich vor, doch war er auch zurück auf dem Weg zu einem fitten jungen Hochleistungssportler? 

30 Sekunden sollte er nun möglichst oft auf einem Bein springen, nicht vor und zurück, sondern nach links und rechts zur Seite. Gelandet wurde auf dem Absprungbein. Am Ende standen 67 Sprünge links und 66 mit dem operierten Bein. Ein kurzer Händedruck zwischen Kremic und Samperio – Test bestanden. 

 

 

Den Spiroergometer-Test auf dem Laufband absolvierte Samperio tags darauf ohne Beanstandung. Jede Minute hatte Kremic die Geschwindigkeit des Bandes erhöht, still pumpte Samperio unter der Maske, die Atemfrequenz und -volumen maß. Bei 12 km/h stoppte Kremic. Kein Risiko. Der Schweiß rann Samperio noch über das Gesicht, als er erklärte: „Es ist ein seltsames Gefühl – kein Schmerz. Ich spüre Kraft, aber doch ist es anders als im gesunden Bein.“ Die Ultraschall-Untersuchung offenbarte eine Spur von Flüssigkeit im Knie, der innere Anteil des vierteiligen Oberschenkels sorgte noch nicht für den angemessenen Puffer bei jedem Schritt. 

Es ist ein seltsames Gefühl – kein Schmerz. Ich spüre Kraft, aber doch ist es anders als im gesunden Bein.

Die weitere Behandlung verschob sich nun weitgehend zu HSV-Rehatrainer Capel ins Stadion, als sollte auch optisch dokumentiert werden, dass eine Rückkehr immer näher rückte. In Joggingschuhen sprintete Samperio bereits Ende Januar durch Stangenparcours auf dem Platz, immer fußballspezifischer die Bewegungen, nur die tiefen Stollenschuhe und der Ball fehlten noch.

Er sollte am 1. Februar endlich ins Spiel kommen. Mit seinen Fußballschuhen dribbelte Samperio nun durch die Stangen und jonglierte mit dem Leder. „Normalerweise ist die Feinkoordination nach so langen Verletzungen erst einmal weg, das kann dann schlimm aussehen“, erzählt Capel, „bei ihm war dies nicht der Fall, das war schon überraschend.“ 

Am 8. Februar absolvierte Samperio im Stadion bei Capel auch den vierten Return-to-Activity-Test erfolgreich. In alle Richtungen umsprang er nun das kleine Quadrat auf einem Bein, nur noch beim Verein trainierte er nun. Eine bereits absolvierte Laufanalyse, die Samperios Bewegungsmuster exakt aus allen Perspektiven vermaß, hatte den Experten Gewissheit gebracht, dass ihr Spieler auch unterbewusst nicht im Sprint die natürliche Laufbewegung veränderte, um so die Verletzung zu kompensieren und Folgebeschwerden zu riskieren.

Vertragsverlängerung

Eine helle geräumige Wohnung in der Speicherstadt, die Fronten verglast, eine beige Sofagarnitur, viel Licht, wenig Möbel. Im Hintergrund lugt das Dach der Elbphilharmonie empor. Keine Jacken, die herumfliegen, keine Bücher, und auch sonst kein Nippes. Die Küche, so blank geputzt, dass sie jedem Möbelhaus zur Ehre gereichte.

Heimat in der Fremde.

Jairo Samperio bleibt bis auf weiteres auf der Durchreise, wie so viele Profis. Keine Gewissheit, wie lange er bleiben wird, auch wenn er vor einigen Tagen seinen Vertrag um ein Jahr verlängert hat. Ab und an ein Treffen mit einem Mannschaftskollegen, ansonsten besuchen ihn Freunde und Familie aus der Heimat monatlich, das reicht ihm für den Moment. In der Nähe von Santander in Spanien baut er derzeit das, was einmal sein Zuhause sein wird, unweit der Familie.

Jairo Samperio

Jairo Samperio in seiner Wohnung in der Hamburger Speicherstadt

Nun nimmt er neben seiner Freundin Carmen Gómez, 24, an einem großen Esstisch platz. Englisch ist die Sprache der Wahl.

Jura studiert Gómez im Fernstudium an der Universität in Barcelona, aber es ist ein Jahr zum Vergessen gewesen. In Spanien schreibt sie die Prüfungen, aber mit einem Mann, der zunächst kaum laufen konnte, zu jedem Training gebracht werden musste und überhaupt permanent auf Hilfe im Alltag angewiesen war, wollte auch bei ihr zunächst nichts vorwärts gehen. Also hat sie das Studium erst einmal unterbrochen.

Seit neun Jahren sind Samperio und Gómez nun ein Paar, mit 15 Jahren lernten sie sich kennen, Gómez ist für Samperio somit das, was man eine Jugendliebe nennt, eingegangen, bevor das große Geld und die Karriere kamen. Vielleicht wirken auch deshalb die Bande noch etwas enger. In jedem Fall nimmt Gómez eine zentrale Rolle ein, wenn es darum geht, woraus sich die Kraftquelle ihres Freundes speist. Emotional reagieren beide, wenn sie über den Partner sprechen.

Sie ist mit ihm damals nach Mainz gezogen, da war sie noch keine 20, noch wussten sie nicht, ob das gemeinsame Fundament für eine Beziehung reichte. „Das war schwierig für mich, mich von meiner Familie und meine Freunden zu trennen. Aber wenn ich bei Jairo bleiben wollte, musste ich mein altes Leben opfern. Für eine Beziehung ist es über zwei Länder schwierig“, sagt sie.  

Er hat das nicht vergessen und auch nicht ihren Beistand in den vergangenen Monaten. Zwei Monate nach dem Treffen wird er unweit der Brooklyn-Bridge New Yorks, dem Sehnsuchtsort von Gómez, hinter sich in den Rucksack greifen, um einen Verlobungsring heraus zu ziehen. Er würde passen, da war er sich sicher, schon Monate zuvor hatte er ihn heimlich zur Probe der Zwillingsschwester seiner zukünftigen Frau übergestreift.

Carmen Gómez muss sich stark mit dem Schicksal ihres Mannes identifizieren, fast klingt sie, als habe sie selbst durchlebt, was ihm widerfuhr, als sie von den Tagen des Unfalls berichtet. „Auch ich hatte einen Schock in dem Moment, als es passierte. Also rief ich erst einmal meine Mutter an als er im Krankenhaus war“, erzählt sie. Die Tränen seien ihr über die Wangen gelaufen, sie ahnte bereits, dass es nach sportlichen Jahren zum Vergessen kein schnelles Happy-End in Hamburg geben würde. „Weine nicht“, riet ihr die Mutter, „du musst jetzt stark sein, ihm Halt geben“.

Sie habe gleich gesehen, wie hart er getroffen war, als er damals zu Hause eintrat. „Ich habe sofort gesagt: Wenn du weinen willst, lass es raus, es wird dir gut tun für den Kopf. Er weint nie, aber an diesem Tag hat er mit mir geweint. Nur an diesem Tag.“

Jairo Samperio

Von diesem Knie hängt die sportliche Zukunft des Jairo Samperio ab

Eine Ewigkeit scheint all dies im März 2019 her. Die Ungewissheit, wo und wie sie ihre gemeinsame Zukunft fortsetzen werden, ist erst einmal gewichen, nun da er auch in der Saison Saison 2019/2020  in Hamburg wird spielen dürfen. Samperio hat Zeit gewonnen. Eine echte Verhandlungsposition gab es nicht. Insider siedeln sein Gehalt im niedrigen sechsstelligen Bereich an. Ein Schnäppchen in der Welt des Spitzenfußballs. Dafür ist die Siegprämie heute höher. Das Risiko liegt damit bei ihm.

Er muss dem HSV dankbar sein und will herausgestrichen wissen, dass er dies auch ist. Jahr für Jahr spucken schließlich nicht nur die Leistungszentren der Bundesligisten junge hungrige Talente aus, das Risiko ist groß, durchs grobkörnige Rost des Spitzenfußballs zu rutschen. Samperio gehört nicht zu jenen, die keine Chance mehr erhalten, trotz seiner Verletzung, trotz der letzten Jahre. Sie wollen ihn beim HSV spielen sehen, dieses mal richtig, er begreift das als Kompliment – und Verpflichtung.

Die Tage fühlen sich länger an. Ich sehe das Licht

Er schätzt die verbindliche Ruhe, mit der ihn alle im Klub behandelt haben in den vergangenen Monaten. „Ich spüre keinen Druck von niemandem hier, sie scheinen zu jedem Zeitpunkt genau zu wissen, was ich brauche.“ Nun ist er auf der Zielgeraden. „Die Tage fühlen sich länger an. Ich sehe das Licht. Ich bin nahe dran am Teamtraining, aber ich spüre auch die Länge der Zeit. Es ist jetzt hart, stark im Kopf zu bleiben.“

Außenansichten

Er trägt ein schwarzes Basecap der New York Yankees, dazu ein T-Shirt und Jeans, nagelneue Sneaker, ganz der modische Profi, der er ist, als  er am 23. April das Volksparkstadion betritt. Hamburger SV gegen RB Leizpig. DFB-Pokal-Halbfinale. Ein Traum für jeden Profi, eigentlich. „Ich habe mehr Routine mit den Abläufen, als mir lieb ist“, sagt er mit einer Spur Galgenhumor, als er sein Ticket am VIP-Counter abstempeln lässt. Danach eilt er kurz hinunter in die Kabine, Witterung aufnehmen. Nicht um zu spielen. Er ist noch nicht so weit.    

Zehn Minuten vor dem Anpfiff nimmt er seinen Platz im Unterrang des Volksparkstadions ein. Er sitzt dieses Mal nicht im VIP-Bereich direkt hinter der Bank. Als gebe es ein magnetisches Feld dort, in das er nicht hineingezogen werden will, solange er nicht fit ist.

HSV Stadion Pokal

Die Spieler des HSV vor einem Pokalspiel im Volksparkstadion. Samperio konnte lange nur zusehen, verfolgte jedes Heimspiel auf der Tribüne

Das Spiel beginnt. Der HSV schlägt sich wacker gegen die drittbeste Mannschaft der Bundesliga, obgleich die Form seit Wochen wie weggeblasen scheint. Dem Klub fehlt ein schneller ballsicherer Mann auf den Flügeln. Ein Mann mit Spielverständnis, der Fähigkeit zum finalen Pass. Jairo muss sich förmlich selbst dort spielen sehen, doch als man ihn fragt, ob er dieser Elf nicht helfen könne, mag er nicht antworten. Kein Wort gegen die Kollegen. Nicht rühren in der Wunde.  

Lieber beginnt er zu erzählen von seinen frühen Jahren, der Kindheit in Cabezón de la Sal, einem Örtchen 36 Kilometer entfernt von Santander, der Vater Lastwagenfahrer, die Mutter Verkäuferin in einer Apotheke. Die schlimmste Strafe, die er je erlebte: Fußballverbot. Beim kleinen SD Textil Escudo startete er seine Karriere. Immer einer der Besten ist er gewesen, das große Racing Santander, immerhin Erstligist, wenn auch eher kleiner tapferer Außenposten des spanischen Fußballs, warb um ihn.

Als Racing 2006 erneut anklopfte, dieses Mal sollte ein Freund mit ihm wechseln, sagte er zu. Es waren dessen Eltern, die ihn fortan oft zum Training mitnahmen. Manchmal brachte ihn auch die Mutter. „Erst mit dem Zug, dann Umsteigen in den Bus, dann noch ein Stück laufen.“

Doch es lohnte sich. Bis in die U-20-Nationalmannschaft Spaniens stieg Samperio auf. Der Trainer Hector Cuper zog ihn in Santander zu den Profis hoch und ließ ihn dort gleich spielen, schon zwei Jahre später heuerte Samperio beim FC Sevilla an und trainierte dort unter dem noch bekannteren Unai Emery, heute Coach von Arsenal London. Selbst die ganz große Karriere schien möglich, doch in der Rückrunde spielte Samperio kaum noch, die Stars kehrten von Verletzungen zurück. Als die Saison beendet war, durfte er sich als Europa-League-Sieger fühlen und entschloss sich doch, nach Mainz weiter zu ziehen, um dort zu einem ordentlichen Bundesliga-Profi zu reifen.    

Tor! Samperio springt auf und ballt die Faust. Der Hamburger SV hat unverhofft Leipzigs Führung ausgeglichen. Und doch ist zu spüren, dass es nicht sein Erfolg ist. Es fehlt die Ausgelassenheit des Sorgenfreien. Es ist nicht mehr sein Tor.  

HSV RB

1:3 verliert der HSV im DFB-Pokalhalbfinale gegen RB Leipzig. Der Traum von einer Rückkehr im Endspiel ist geplatzt

Die zweite Halbzeit beginnt. Samperio zeigt auf den Leipziger Kevin Kampl. „Ein sehr guter Spieler.“ Vier Minuten später lupft Kampl den Ball gefühlvoll über die gesamte HSV-Abwehr in den Strafraum, ein Querpass, ein Eigentor durch Vasilije Janjicic und es steht 1:2. Samperio zeigt keine Regung. Als stehe er auf dem Feld. Nichts anmerken lassen. Wegstecken, das alte Spiel.  

Alle Heimspiele der Saison hat er besucht, er hat lange genug zugesehen, man sieht es ihm an. Als der Schlusspfiff den 1:3-Enstand besiegelt, erhebt er sich und blickt kurz zur Anzeigentafel. Der Traum von einer späten Rückkehr im Endspiel in Berlin ist geplatzt. Ein kurzer Händedruck, ein letzter Gang in die Kabine, dann verschwindet er in die Nacht.

Die Rückkehr

Ein Sinnspruch, der ihn begleitet, ob er will oder nicht: „Stärke – das Vorhandensein besonderer Fähigkeiten, besonderer Begabung durch die jemand eine außergewöhnlich hohe Leistung erbringt.“ Von der Wand des Kraftraums im Volksparkstadion prangen die Zeilen in den HSV-Farben, blaue Schrift auf weißem Grund, wie eine immer wiederkehrende Aufforderung an ihn. Umgezogen hat Samperio sich in der Kabine an seinem Spint, der rechts außen ist, dort, wo er bald auf dem Feld seine Heimat haben soll.

Jairo Samperio

Jairo Samperio beim Krafttraining

Als er an einem Dienstag im April um 8.58 Uhr den Trainingsraum betritt, schenkt er den Zeilen erst einmal keine besondere Bedeutung, sondern dreht lieber die Musik auf. Dancehall-Reggae. Eine Einheit Krafttraining steht an, bevor ein besonderer Moment auf ihn wartet: das erste Torschusstraining, spiritueller Moment für jeden Stürmer.

Er hat muskulär zugelegt, der dünne Bursche aus dem Herbst mit den Beinen Thomas Müllers hat sich in eine Kraftmaschine verwandelt. Es ist der neunte Tag in Folge mit einem Trainingsreiz, der Kraftaufbau abgeschlossen. Explosivkrafttraining steht mittlerweile auf dem Plan. „Unter Laborbedingungen wie hier ist er schon ganz nah dran am Niveau, das es braucht. Das Passspiel am Anfang des Trainings macht er schon mit der Mannschaft“, erklärt Sebastian Capel, in der zweiten Hälfte der Reha Samperios wichtigste Bezugsperson.

Was er meint, wird schnell deutlich: Mit zwei Zwölfkilohanteln absolviert Samperio nun seine Kniebeugen – einbeinig. Eine Beinübung mit schwer behangenen Freihantelstangen nach der anderen folgt, eine Stunde geht das so. Kein Wort wird über das Knie verloren.

Langsam hatten ihn Capel und der Teamarzt Welsch zurück ans Mannschaftstraining geführt. Im März begann Samperio erstmals wieder an einfachen Spielformen des Teams beim Aufwärmen teilzunehmen. Als das Innenband ein leicht stechendes Signal meldete, setzten sie die Ballübungen drei Tage aus, die verklebten Strukturen sollten sich langsam lösen.

Nun betritt Samperio 20 Minuten nach der Krafttrainingseinheit den Trainingsplatz hinter dem Stadion, an seiner Seite der am Innenband verletzte Josha Vagnoman sowie Reha-Trainer Capel. Samperio beginnt die unterschiedlichsten Hütchen-Parcours abzusprinten, die Richtungswechsel des Fußballs, sie werden auf dem Platz ohne Gegnereinwirkung erprobt. Immer wieder füttert ihn Vagnoman aus einer Ecke mit Kurzpässen, die er mit der Innenseite zurück zu seinem Absender prallen lässt. Auf 180 Schläge pro Minute jagt Capel Samperios Puls nun hoch, ein Brustgurt-Herzfrequenzmesser überprüft die Belastung.

Dann das Torschusstraining.

Mit Anlauf steuert Samperio auf die außerhalb des Strafraums in einer Kette aufgereihten Bälle zu. Der erste Schuss mit links. Dann der zweite Versuch mit dem Bein, auf dessen Kraft und Gefühl sich seine Karriere gründet. Samperio nimmt Anlauf, dann ein Schuss, der friedlich am linken Pfosten vorbeisegelt. Selten dürfte sich ein Fehlschuss besser angefühlt haben.

Jairo Samperio

Keine Woche darauf liegt er wieder bei jenem Mann auf der Behandlungsliege, der ihm fast auf den Tag genau acht Monate zuvor in einem Operationssaal rund hundert Meter entfernt das Knie zusammengebaut hat. Samperio hat seine Hose ausgezogen, der Blick auf beide Beine ist nun frei. Karl-Heinz Frosch beugt das rechte Knie. „130 Grad, zehn Grad fehlen noch“, stellt er prüfend fest. Die Mobilität bleibt ein immer wiederkehrendes Thema.

Aber ist es wirklich so entscheidend, ob das Knie sich maximal beugen lässt? „Wenn er einmal richtig grätschen will, wäre es schon schön, wenn er die zehn Grad noch hätte, aber die werden zwischen dem sechsten und zehnten Monat noch kommen“, antwortet Frosch.

Er drückt und zieht am Knie, als prüfe er ein Scharnier auf seine Beweglichkeit. „Das vordere Kreuzband ist komplett fest, das hintere hat vielleicht noch ein oder zwei Millimeter“, sagt er mehr zu sich selbst. Das Spiel im Gelenk selbst hat abgenommen, ein gutes Zeichen. Frosch erhebt sich neben der Liege, dann der entscheidende Satz: „Von meiner Seite können Sie voll ins Mannschaftstraining einsteigen.“

Am 2. Mai nimmt Jario Samperio am Kurztrainingslager in Rothenburg/Wümme zum ersten Mal im Training an einer Partie elf gegen elf teil. Auf engem Raum wirken seine Bewegungen noch eckig, der Kopf führt noch Regie wo sonst der Instinkt des Stürmers die automatisierten Bewegungen lenkt. Kurz davor steht er, in den Kader zurück zu kehren, doch die Ärzte wollen kein Risiko eingehen. Kein fataler Schnellschuss.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Samperio nahezu fit die Saison beenden wird, während es nun sein Klub ist, der sich schwer verwundet der Ziellinie entgegen schleppt. Als hätten Spieler und Verein die Rollen getauscht. Der Trainer Titz ist schon lange Geschichte und auch der für ihn gekommene Hannes Wolf wird den Beginn der nächsten Saison ebenso wenig erleben, wie der Sportdirektor Ralf Becker, der Samperios Vertrag noch im März verlängerte. 

Reha-Trainer Capel berichtet im Video von der Reha:

Jairo Samperio schafft es wieder auf dem Spielfeld für den HSV nach einem Jahr in der Reha

 

Den Aufstieg verpasst der HSV, am Ende zerfällt die Elf förmlich in ihre Einzelteile, keine Energie, kein Behauptungswillen. Der Stürmer Lasogga wechselt danach den Verein, er spielt in Zukunft in Katar, der Brasilianer Santos in St. Petersburg. Dagegen sucht Lewis Holtby noch immer einen Klub.

Samperio wird vorerst bleiben. Man kann es ein Zeichen seiner Professionalität und Beharrlichkeit nennen oder eine Laune des Fußballs. Richtig liegt man in beiden Fällen.

Wichtiger für ihn: Sein Traum – lebt.

Epilog

Mit dem Ultraschall-Gerät fährt Götz Welsch am 18. Juni 2019 über Samperios Knie, wie so oft in den letzten Monaten, und doch ist dieses Mal alles anders. Die sportärztliche Untersuchung zur neuen Saison steht an, von der Deutschen Fußball-Liga vorgeschrieben, um die generelle Leistungsfähigkeit aller Profis des Spielbetriebs zu gewährleisten. Fußgelenke, unterer Rücken, überall spüren die Hände des Arztes nach Fehlbildungen, doch sie werden nicht fündig.

Jairo Samperio Götz Welsch

HSV-Arzt Götz Welsch (links) untersucht Jairo Samperio. Die sportärztliche Untersuchung zur neuen Saison ist von der Deutschen Fußball-Liga vorgeschrieben

Dicker als der linke liegt der rechte Oberschenkel nun auf der Liege. „Wenn man bedenkt, dass er Ende August erst operiert wurde und Ende April schon wieder trainiert hat, ist das schon krass“, sagt der HSV-Arzt Welsch. „Die durchschnittliche Ausfallzeit von vorderen Kreuzbandrupturen allein ist 7,8 Monate im Schnitt. Das ist schon eine Erfolgsgeschichte.“

Welsch blickt auf den Bildschirm, während er durch Samperios Knie fährt. „There is no biomechanical problem“, erklärt er seinem Spieler ruhig.

Gilt Samperio als komplett austherapiert?

„Das gibt es nicht.“

Sondern?

„Es geht darum, von der Reha in die Prävention zu kommen. Eine Routine zu entwickeln, basierend auf der Vorverletzung.“

Wie sollte die aussehen?

„Es geht immer um den Erhalt der Kraft. Um neuromuskuläre Stabilität. Sehr viele Hochleistungssportler haben Vorverletzungen. Es liegt jetzt auch in der Eigenverantwortung des Athleten, wie professionell er sich verhält, entsprechend weniger Probleme wird er unter Umständen bekommen.

Was wird Jairo Samperio gezielt beachten müssen?

„Es geht bei ihm darum, das Knie auf die Belastung vorzubereiten. Bei ihm ist es ein größeres Problem, wenn er einfach ohne sich aufzuwärmen mit dem Sport beginnt.“

Acht Tage nach der Untersuchung wird Samperio im ersten Testspiel zur neuen Saison 2018/2019 gegen den Oberligisten Meiendorfer SV nach 45 Minuten eingewechselt. Zwei Tore erzielt er und sagt ein paar Tage darauf: „Es war einer der besten Momente meiner Karriere. Ich bin stolz auf den Fortschritt. Die Anspannung zu spüren vor dem Spiel, die es braucht, das war besonders.“ Mindestens genauso wichtig: Er fürchtete den Zweikampf nicht. 

Jairo Samperio

Auch beim Testpiel am 29. Juni 2019 im niedersächsischen Buchholz war Jairo Samperio wieder auf dem Platz

Er fühlt sich fit, und doch muss er aufpassen, groß ist die Gefahr von muskulären Folgeverletzungen wie an der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Statistisch finden schon nach einem Riss des vorderen Kreuzbandes nur noch 65 Prozent im europäischen Profifußball zu alter Form zurück.

Als man Samperio einige Tage später im Vormittagstraining beobachtet, erlebt man einen Mann, den der Profialltag bereits wieder verschlungen zu haben scheint, so ernst geht er zu Werke. Als Samperio trocken ins rechte untere Eck trifft, lobt ihn der neue Trainer Dieter Hecking, nicht das einzige Mal an diesem Vormittag. Zärtlich legt er in der Trainingspause den Arm um seinen Spieler.

Zwei Mal lässt Hecking pro Tag trainieren. Jairo muss nun liefern,  auf dem Platz, nicht im Kraftraum. Der Kampf um die Verlängerung seines Einjahresvertrages hat bereits wieder begonnen. Die Konkurrenz ist groß, die neu Verpflichteten sollen spielen, auch auf seiner Position. Die Widerstände auf dem letzten Schritt seines Weges kommen nun auch von außen. Auch deshalb sagt er, erst wenn er wirklich wieder spiele, in Pflichtspielen, sei er am Ziel.

Im ersten Saisonspiel der zweiten Liga im heimischen Volksparkstadion gegen Darmstadt 98 bleibt ihm ein Platz auf der Bank. Vergeblich wartet er auf seine Einwechslung. Eine Woche darauf schickt ihn Hecking in der 82. Minute beim 1. FC Nürnberg aufs Feld, der Hamburger SV führt zu diesem Zeitpunkt bereits mit 4:0. Das erste Pflichtspiel, wenn es auch bereits entschieden ist. Als nach der Partie die Auswertung der schnellsten Spieler erfolgt, weist Jamperio bei einem seiner Sprints mit 34 km/h die höchste Sprint-Geschwindigkeit aller HSV-Profis auf. Ein kleines Wunder. Im Pokalspiel in Chemnitz verwandelt er ein paar Tage darauf den fünften Elfmeter, reserviert für die robusten Jungs, ein Fehlschuss und der HSV wäre ausgeschieden. Ein kleines Statement, wie er sich sieht, auch das.  

Jairo Elfmeter Chemnitz

Jairo Samperio trifft im DFB-Pokal am 11. August 2019 – fast ein Jahr nach seinem Unfall – im Elfmeterschießen zum 4:4-Ausgleich gegen den Chemnitzer FC

Karl-Heinz Frosch sagt, die Gefahr, dass das Knie jetzt noch einmal auf die Belastung reagiere sei „relativ gering“. Die Wahrscheinlichkeit, dass Arthrose später das operierte Gelenk befallen wird, bleibt allerdings statistisch hoch. Schon ein gewöhnlicher Kreuzbandriss erhöht das Risiko, Hochleistungsfußball potenziert das Problem.

Jairo Samperio sagt, er spüre noch immer ein leichtes Taubheitsgefühl am Rande der Kniescheibe, eine ständige Erinnerung an jenen Tag im August, von dem er sagt, er habe seinen Blick auf das Leben verändert. Er verspüre heute eine größere Dankbarkeit für die normalen Dinge des Lebens. Vor allem aber habe ihn der eigene Schmerz aufmerksamer gemacht – nicht nur für die eigenen Bedürfnisse. „Ich frage andere heute öfter, wie es ihnen geht.“ 

Veröffentlicht am 23. August 2019

Autor: Mathias Schneider

Fotos: Peter Heck

Redaktion/Produktion: Patrick Rösing

Video: Steven Montero

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