Wie lange noch?: Es herrscht breites Entsetzen über den Nazivergleich von DFB-Präsident Keller – doch der bleibt im Amt. Noch.

Wie lange noch? Es herrscht breites Entsetzen über den Nazivergleich von DFB-Präsident Keller – doch der bleibt im Amt. Noch.

DFB-Präsident Fritz Keller

DFB-Präsident Fritz Keller

© Patrick Seeger / DPA

Nach dem Vergleich seines Vizes Rainer Koch mit NS-Richter Roland Freisler steht DFB-Präsident Fritz Keller vollkommen im Abseits. An Rücktritt denkt er jedoch nicht. Nun könnten die Landes- und Regionalverbände handeln.

Noch klammert sich DFB-Präsident Fritz Keller an sein Amt – trotz eines unsäglichen Nazivergleiches und wachsenden Drucks von allen Seiten.

Wie berichtet, hatte der 64-Jährige seinen Stellvertreter Rainer Koch in einer Präsidiumssitzung mit Roland Freisler verglichen. Dieser war in der Nazidiktatur Präsident des sogenannten Volksgerichtshofes und stand damit an der Spitze der nationalsozialsozialistischen Unrechtsjustiz. Unter anderem hatte er in einem Schauprozess die Mitgliederinnen und Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose um Sophie und Hans Scholl zum Tode verurteilt. Zudem war Freisler Teilnehmer der Wannseekonferenz, auf der die systematische Vernichtung von Jüdinnen und Juden geplant wurde.

Fritz Kellers Nazivergleich sorgt für Entrüstung

Der so verglichene DFB-Vize Koch lehnte die Bitte um Entschuldigung durch Keller ab, wie dieser am Dienstag in einer Stellungnahme einräumte. Keller sprach von einem “schwerwiegenden Fehler” und meinte: “In Zeiten gesellschaftlicher Zerrissenheit sollten wir uns als Fußballer nach meinem Foul die Hände reichen und ein gemeinsames Zeichen der Versöhnung geben.” Vom Platz gehen will Keller jedoch nicht: “Einen Rücktritt schließe ich aus”, sagte er der Nachrichtenagentur DPA.

Ob er mit dieser Haltung durchkommt, ist ungewiss. Der Druck auf Keller wächst von allen Seiten. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) distanzierte sich in einer Mitteilung deutlich vom DFB-Präsidenten: “Eine solche Äußerung ist inakzeptabel.”

Auch aus etlichen Landes- und Regionalverbänden des DFB kommen klare Worte. Mit “Entsetzen und völligem Unverständnis” habe der Süddeutsche Fußball-Verband auf die Wortwahl Kellers reagiert, hieß es. Der Chef des Hamburger Fußball-Verbandes, Dirk Fischer, sprach von einer “inakzeptablen Äußerung” und einem “schlimmen Fehler”. Ganz im Norden, beim schleswig-holsteinischen Fußballverband, forderte Präsident Uwe Döring einen außerordentlichen DFB-Bundestag, “in dem sich alle zur Wahl stellen müssten”. Er glaube, dass eine große Zahl an Landesverbänden der gleichen Meinung sei, sagte er dem Sender Sport1 – ein solcher Bundestag könnte das Ende von Kellers Zeit an der Spitze des DFB mit seinen mehr als sieben Millionen Mitgliedern sein. 

Das Präsidium des einflussreichen Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) kam zu einer Sondersitzung zusammen. “Die Mitglieder des BFV-Präsidiums sind entsetzt über die von Fritz Keller ausgelöste neuerliche Eskalation innerhalb des DFB und seiner Regional- sowie Landesverbände”, hieß es in einer anschließenden Mitteilung. “Mit einem derartigen Verhalten, das jedwede Grenzen überschreitet und nicht zu tolerieren ist, wird er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht, im Gegenteil: Fritz Keller disqualifiziert sich, er vertieft so weiter die Gräben und betreibt Polarisierung.”

Kellers Vorgänger Theo Zwanziger reagierte ebenfalls entsetzt auf die Entgleisung: “Wie kann der DFB-Präsident in diesem gesellschaftlich so wichtigen Amt solch einen Nazivergleich einführen? Und dann auch noch gegenüber einem Mann wie Rainer Koch, der rechtsstaatlich und demokratisch eine absolut saubere Vita (…) hat. Dass Fritz Keller diesem Mann solch einen Vorwurf macht, zeigt, dass er an der Stelle keinen Tiefgang hat”, sagte Zwanziger der “Bild”-Zeitung. Keller zeige keine glaubwürdige Einsicht für eine völlig verfehlt Aussage.

Auch außerhalb des Fußballs schlägt der Nazi-Vergleich Kellers hohe Wellen. Ein Sprecher des auch für den Sport zuständigen Bundesinnenministeriums wollte zwar den Einzelfall nicht bewerten, machte aber grundsätzlich deutlich, was das Haus von Horst Seehofer von solchen Aussagen hält: “Solche Vergleiche bergen immer die Gefahr, dass das NS-Unrecht verharmlost wird, und sie sind daher zu missbilligen”, betonte der Sprecher. “Der Nationalsozialismus ist für Millionen Tote und für unendliches Leid verantwortlich. Und dessen muss sich jeder stets bewusst sein und sich entsprechend verhalten.”

Wird außerordentlicher DFB-Bundestag einberufen?

Die Zeit von Fritz Keller an der DFB-Spitze scheint nach Lage der Dinge abgelaufen. Verlässt er seinen Posten nicht freiwillig, könnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ein außerordentlicher Bundestag einberufen wird. Dazu müssen laut DFB-Satzung der Vorstand, die DFL oder mindestens zwei Regional- oder sechs Landesverbände einen Antrag stellen. Zuvor war ein vorgezogener Termin in diesem Sommer wegen eines schon länger schwelenden Führungsstreits beim DFB ohnehin im Gespräch.

Fritz Keller wurde im September 2019 zum DFB-Präsidenten gewählt, nachdem Vorgänger Reinhard Grindel unter anderem wegen der Annahme einer Luxusuhr als Geschenk eines Oligarchen zurückgetreten war.  Nach seiner Wahl versprach Keller einen Kulturwandel im DFB und sagte über seine Zukunft: “Ich möchte diese Aufgabe machen, so lange wie möglich, so lange ich kann und so lange ich bei klarem Verstand bin. Wenn nicht das nicht mehr bin, bitte ich meine Freunde mir das zu sagen, dann komme ich endlich zu meinem Wohnmobil.”

Quellen: Deutscher Fußball-Bund, Deutsche Fußball-Liga, Sport1, Bayerischer Fußball-Verband (BFV)“Bild-“Zeitung, Deutscher Fußball-Bund (2), Deutscher Fußball-Bund (3), Nachrichtenagentur DPA

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