Verdacht gegen einen Deutschen: Fall Madeleine McCann – auf die spektakuläre Wendung folgte die Ernüchterung

Verdacht gegen einen Deutschen Fall Madeleine McCann – auf die spektakuläre Wendung folgte die Ernüchterung

Ein Polizeibeamter mit einem Hund durchsucht eine Kleingarten-Parzelle

Im Fall der verschwundenen Maddie McCann durchsuchte die Polizei vergangenen Sommer eine Kleingarten-Parzelle in Hannover

© Peter Steffen / DPA

Der überraschende Mordverdacht gegen einen deutschen Sexualstraftäter brachte scheinbar Bewegung in den Fall Madeleine McCann. Zwölf Monate später ist die Hoffnung der Ernüchterung gewichen.

Madeleine McCann ist seit mehr als 14 Jahren verschwunden, das ungeklärte Schicksal des Mädchens sorgt bis heute für Schlagzeilen. Anfang Mai verbrachten ihre Eltern und ihre Familie den 18. Geburtstag des Mädchens, ohne zu wissen, ob sie noch am Leben ist. Als Ermittler vor einem Jahr überraschend bekanntgaben, dass ein Deutscher unter Mordverdacht stehe, keimte zumindest die Hoffnung auf späte Gewissheit auf.

Verdächtiger sitzt wegen Vergewaltigung im Gefängnis

Es war eine spektakuläre Wendung, als Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA), der Metropolitan Police in Großbritannien und der Polícia Judiciária in Portugal am Abend des 3. Juni 2020 über die Medien um Mithilfe der Bevölkerung baten. Sie gaben bekannt, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen mehrfach vorbestraften Sexualverbrecher handele, der sich wegen einer anderen Tat in Haft befinde.

Mittlerweile sitzt der 44-jährige Mann wegen einer Vergewaltigung in einem niedersächsischen Gefängnis, wurde aber bisher nicht mit Vorwürfen im Fall Maddie konfrontiert. “Nein, der Beschuldigte ist bislang nicht vernommen worden”, sagte der Braunschweiger Staatsanwalt Hans Christian Wolters Ende Mai der Deutschen Presse-Agentur. Die Strafverfolgungsbehörde ist für den Fall zuständig, weil der Verdächtige seinen letzten deutschen Wohnsitz in der niedersächsischen Stadt hatte.

Madeleine McCann ist seit dem 3. Mai 2007 verschwunden

Am 3. Mai 2007 verschwand die damals dreijährige Madeleine McCann aus einer Apartment-Anlage im portugiesischen Praia da Luz. Seitdem fehlt von ihr jede Spur.

Seit der Veröffentlichung zu dem Verdächtigen stellte das enorme Interesse an dem Fall alles in den Schatten, um das sich die Braunschweiger Staatsanwaltschaft bisher zu kümmern hatte, wie Behördensprecher Wolters häufig betonte. Über das frühere Leben des Verdächtigen und seine Straftaten wird seit Juni 2020 ausführlich berichtet. Wesentliche Erkenntnisse zu dem “Fall Maddie”, als der er in den Medien auch bekannt ist, blieben aber aus.

Maddie oder Madeleine?

Das Verschwinden von Madeleine McCann geht seit 2007 als “Fall Maddie” um die Welt. Die Eltern des kleinen Mädchens selbst nannten und nennen ihre Tochter allerdings stets beim vollen Namen. Die Abkürzung “Maddie” benutzten zuerst britische Boulevardmedien. Der stern hat sich entschlossen, Madeleine so zu nennen, wie die Eltern es tun. Vor allem dann, wenn es in Texten um das Mädchen im Speziellen geht. Für viele Menschen ist der “Fall Maddie” allerdings ein fester Name geworden, das zeigen nicht zuletzt Google-Statistiken. Bei stern.de wird es in Ausnahmesituationen, vor allem dann wenn es um den Fall, also die gesamte Geschichte geht, in Überschriften oder Textpassagen weiter die Bezeichnung “Fall Maddie” geben.

Ermittlungen werden noch lange andauern

Ein Durchbruch in den Ermittlungen ist kurzfristig auch nicht in Sicht. Diese werden laut Staatsanwalt Wolters sicher noch einige Monate in Anspruch nehmen, möglicherweise auch bis ins nächste Jahr oder darüber hinaus gehen. Es sei nicht ungewöhnlich, wenn die Vernehmung eines Beschuldigten – wie in diesem Fall – an das Ende der Ermittlungen gestellt werde, betonte Wolters, der zuletzt regelmäßig Informationen zu dem Fall als Spekulation oder schlicht falsch zurückgewiesen hatte.

Ein solches Beispiel war ein Bericht vor wenigen Tagen, wonach die Ermittler davon ausgehen, dass Madeleine in Portugal getötet wurde und nicht nach Deutschland verschleppt worden sei. “Zu den konkreten Umständen ihres Todes haben wir bislang keine Angaben gemacht und werden dies auch erst mal so beibehalten”, sagte Wolters dazu. “Im Laufe des vergangenen Jahres haben sich keinerlei entlastende Umstände zugunsten des Beschuldigten ergeben”, berichtete er zum Stand des Verfahrens.

Eltern hoffen auf Wiedersehen mit ihrer Tochter

Die Eltern des Mädchens betonten erst kürzlich, dass sie die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer Tochter immer noch nicht aufgegeben haben. “Wir klammern uns an die Hoffnung, wie klein sie sein mag, dass wir Madeleine wiedersehen werden”, schrieben Kate und Gerry McCann auf ihrer Internetseite. “Dieses Jahr ist es besonders schmerzhaft, weil wir Madeleines 18. Geburtstag feiern sollten.” Sie dankten den Behörden, dass sie trotz der Corona-Pandemie die Ermittlungen weiterführen.

In Portugal löst der Fall längst eher genervte Reaktionen aus. “Maddie? Schon wieder? Hört das denn nie auf?”, fragte der Betreiber eines Cafés in Lagos sehr gereizt auf die Frage, ob das vor 14 Jahren spurlos verschwundene Mädchen noch ein Thema in der Region sei. Kein Einzelfall – schon seit Jahren gibt es an der Algarve im Süden Portugals kaum noch Mitleid mit den Eltern. Es herrschen vielmehr Ärger und Zorn. Man fühlt sich in Lagos und dem angrenzenden Badeort Praia da Luz ungerecht behandelt und stigmatisiert.

Verbrechen sind schlecht für den Tourismus

Verbrechensberichte sind nun mal nicht gut für das Tourismusgeschäft. Das Verschwinden eines Mädchens sei zwar sehr traurig, aber ähnliche Fälle gebe es täglich überall auf der Welt. Das wird in Lagos demjenigen, der es wagt, das Thema anzusprechen, mit genervtem Unterton immer wieder erklärt. In der Region gebe es ja kaum Kriminalität.

Maddie McCann: Dreizehn Jahre vermisst – eine Chronologie

Zumindest die portugiesische Kriminalpolizei hat den Fall nach der Wiederaufnahme im Jahr 2013 bis heute nicht wieder zu den Akten gelegt. An der Algarve wurde im Laufe der Jahre praktisch jeder Stein umgedreht, sehr viele der gut 3000 Bewohner von Luz wurden befragt, oft auch mehrfach. Eine konkrete Spur gibt es bis heute nicht.

“Wie wir des Öfteren gesagt haben, müssen wir wissen, was mit unserer wunderbaren Tochter geschehen ist – egal was es ist”, schrieben die Eltern zum 18. Geburtstag, den sie ohne Madeleine verbringen mussten.

Christian Brahmann/ Emilio Rappold/ jus DPA

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