Touristenattraktion MiWuLa: Miniatur Wunderland Hamburg – Pandemie im Maßstab 1 zu 87

Die Corona-Krise hat das Hamburger Miniatur Wunderland hart getroffen: Besucher blieben weg, Einnahmen fehlten. Für das Team und die Gründer, Frederik und Gerrit Braun, bedeutet das jedoch kein Stillstand. Sie erhalten sich ihren Optimismus.

Von Lea Schings und Lucas Wendt

Der einstige Besuchermagnet in der Hamburger Speicherstadt liegt verlassen da. Kein Kindergeschrei, keine langen Warteschlangen. Die Türen des Miniatur Wunderlands sind geschlossen, Besucher müssen draußen bleiben und doch ist im Inneren viel los. Auf den 1499 Quadratmeter Modellfläche der größten Modelleisenbahn der Welt wird gemalt, geputzt, 479.000 LEDs blinken in bunten Farben, Flugzeuge fliegen und einmal wöchentlich fahren alle Züge die 15.715 Meter Gleislänge ab.

Podcast: Frederik und Gerrit Braun im Gespräch

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Der gigantische Erfolg des Miniatur Wunderlands war auch für deren Gründer, die Zwillingsbrüder Frederik und Gerrit Braun, nicht absehbar. Die Idee kam Frederik im Jahr 2000 in Zürich. Durch eine kleine Modelleisenbahn an seine Kindheit erinnert, will er einen lang gehegten Traum wahr werden lassen: die größte Modelleisenbahn der Welt zu bauen. Nach anfänglicher Skepsis ist auch sein Zwillingsbruder Gerrit schnell an Bord. Ihr Herzensprojekt übertrifft ihre kühnsten Träume. Im August 2001 eröffnet das Wunderland und schreibt seitdem eine Erfolgsgeschichte.

Viele Liebe zum Detail: Eine Feuerwehreinsatz im Abschnitt Hamburg des Miniatur Wunderlandes

Viele Liebe zum Detail: Eine Feuerwehreinsatz im Abschnitt Hamburg des Miniatur Wunderlandes

© Miniatur Wunderland Hamburg

Die Besucherzahlen übertreffen von Anfang an alle Planungen der Brüder, sie steigen Jahr für Jahr. Menschen aus der ganzen Welt reisen an, um das Miniatur Wunderland zu besuchen. Knapp 20 Jahre nach der Eröffnung zählt das Wunderland neun fertige Bauabschnitte, darunter Skandinavien, Amerika, Hamburg, die Schweiz und Italien. Im Maßstab 1 zu 87 werden hier Geschichten erzählt, starten Flugzeuge und fahren Feuerwehrfahrzeuge mit Blaulicht zu augenscheinlich brennenden Gebäuden.

Der Bau ist noch lange nicht abgeschlossen, eine Formel-1-Strecke in Monaco soll noch kommen und irgendwann dann Rio de Janeiro, die Karibik und andere Teile der Welt. Das Miniatur Wunderland ist ein wahrer Besuchermagnet. Im Jahr 2019 begrüßt es etwa 1,4 Millionen Besucher aus allen Teilen der Welt, macht monatlich nach eigenen Angaben über eine Million Euro Umsatz. 2020 wird das Wunderland von ausländischen Touristen laut der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) gar zur beliebtesten deutschen Sehenswürdigkeit gewählt.

Verlust von fast 1 Millionen Besuchern

Dann kommt Corona – und die erfolgsverwöhnten Brüder sehen sich zum ersten Mal einem leeren Wunderland gegenüber. Sie dürfen im Sommer zwar unter Hygiene-Auflagen öffnen, verlieren aber insgesamt fast eine Million Besucher. Dennoch verteidigen die Brüder die Politik und die Corona-Maßnahmen öffentlich, nicht nur gegenüber der Presse, sondern auch in den sozialen Medien. Die Kritik an den Novemberhilfen beispielsweise kann Frederik Braun nicht nachvollziehen und macht seinem Ärger auf Facebook Ende Oktober 2020 Luft: “Mir geht da die Hutschnur hoch!”, schreibt er. “Jetzt mal Tacheles! …Welcher Gastronom hätte [75% des Novemberumsatzes von 2019] denn bitte in diesem November unter aktuellen Bedingungen erwirtschaftet?” Im Nachhinein sagen die Braun-Brüder allerdings: “Da wussten wir noch nicht, dass das so lange dauert.”

Weniger Meckern, mehr Optimismus

Ewiges Meckern hilft jedoch keinem, da sind sich die Braun-Brüder einig. Auch wenn beide auf ihre Weise emotional sind und auch ihnen ab und zu die Hutschnur platzt, versuchen sie doch positiv und optimistisch der Krise zu trotzen und die widrigen Umstände zu nutzen, wo sie nur können. Die Stimmung im gesamten Team sei gut, so Frederik. Das war allerdings nicht von Anfang an so.

Besonders im vergangenen Frühling wirkten sich die Corona-Krise und ihre Folgen auf die Gemüter der Mitarbeiter aus. “Als das Wunderland das erste Mal schließen musste, war das für mich schon ein bisschen wie Weltuntergang”, erinnert sich etwa Modellbauerin Teresa Liening. Sie kümmert sich hauptsächlich um den Hausbau und hält mit ihrem Team den “Amerika”-Abschnitt in Schuss, seit sechs Jahren ist sie beim Miniatur Wunderland dabei. Plötzlich musste sie zuhause bleiben und wusste nicht mehr, wann es weitergeht. “Ich konnte die Zeit im ersten Lockdown nicht genießen.”

Flugzeuge rollen zum Start und landen mit echten Triebwerksgeräuschen am Knuffingen Airport.

Flugzeuge rollen zum Start und landen mit echten Triebwerksgeräuschen am Knuffingen Airport.

© Miniatur Wunderland Hamburg

Ähnlich ergeht es auch Carmen Nörenberg und ihrem Team im Verkauf und im Bistro. “Ich leite ein Team von 150 Mitarbeitern und wollte mit allen natürlich gerne individuell in Kontakt treten.” Deswegen habe sie mit fast allen telefoniert, um zu erfahren, wie es ihnen geht. “Mit den einen hat man nur kurz über Whatsapp geschrieben, dass alles gut ist. Dann gab es aber auch lange Telefonate mit Mitarbeitern, die voller Sorgen waren. Bei ihnen ging es um finanzielle Probleme oder Ängste um die Gesundheit.” Man habe es aber geschafft, gut damit umzugehen, betont Carmen.

Der Lockdown als Chance

Nach etwa zwei Monaten Zwangspause konnte das Miniatur Wunderland Ende Mai wieder seine Pforten öffnen. Allerdings durfte nur rund ein Viertel der normalen Besucheranzahl eingelassen werden, gleichzeitig mussten sowohl die Gäste als auch die Mitarbeiter einen Mund-Nasen-Schutz tragen und ausreichend Abstand voneinander halten.

Plexiglas, Masken und eindeutige Verkehrsregeln - mit Abstand konnte das Miniatur Wunderland im Sommer 2020 seine Gäste empfangen.

Plexiglas, Masken und eindeutige Verkehrsregeln – mit Abstand konnte das Miniatur Wunderland im Sommer 2020 seine Gäste empfangen.

© Christian Charisius / DPA

Der Sommer brachte ein Stück Normalität zurück, aber am 2. November mussten angesichts der stark gestiegenen Infektionszahlen erneut die Türen des Miniatur Wunderlands geschlossen werden. Doch jetzt ist die Stimmung eine andere. Zum einen hat man bereits eine Phase des Lockdowns hinter sich und ist dementsprechend vorbereitet. Zum anderen wollen Frederik und Gerrit Braun sowie das gesamte Wunderland-Team die Situation als Chance begreifen.

Bereits im Juli wurde die Anlage durch eine Brücke über das Fleet zum gegenüberliegenden Speicher erweitert – eine große Investition in die Zukunft. Im März hätten Frederik und er noch versucht, das langjährig geplante Projekt zu stoppen, gesteht Gerrit Braun im Interview. “Aber schon im April haben wir gesagt, dass wir die Reserven nicht als Gewinne ausgeschüttet, sondern für genau solche Fälle zurückgehalten haben.” Mittlerweile sähe er das als eine ihrer besten Entscheidungen an, denn es hätte allen einen Ruck gegeben.

Brückenschlag über das Kehrwiederfleet im Juli 2020: Die Erweiterung des Miniatur Wunderlandes zu einem weiteren Gebäude war für die Brüder Braun trotz der angespannten Lage "eine ihrer besten Entscheidungen".

Brückenschlag über das Kehrwiederfleet im Juli 2020: Die Erweiterung des Miniatur Wunderlandes zu einem weiteren Gebäude war für die Brüder Braun trotz der angespannten Lage “eine ihrer besten Entscheidungen”.

© Picture Alliance

Einen Ruck gibt es auch hinter den Kulissen. In der Tat steht die Modelleisenbahn nicht still. Der Beginn des zweiten Lockdowns Anfang November ist für das Team vielmehr der “Startschuss für spannende Sonderprojekte”, wie das Miniatur Wunderland in seiner Weihnachtspost euphorisch mitteilt. Darunter fällt die Weiterarbeit am neuen “Monaco”-Abschnitt, ein neuer Fußboden und die Erneuerung des Flughafens Knuffingen – alles dokumentiert auf YouTube und in den sozialen Medien, um die Fans trotz der Pandemie an den Arbeiten teilhaben zu lassen.

“Das Miniatur Wunderland putzt sich von innen heraus”

Für Modellbauerin Teresa kommen die neuen Aufgaben genau zur rechten Zeit. “Die Struktur im Alltag fehlt. Jetzt hat man wieder einen ganz normalen Arbeitstag.” Und nun hätten sie auch Zeit für solche Arbeiten, denn normalerweise wären diese nur nachts zu machen, damit die Gäste nichts mitbekämen. Aktuell sei sie in Monaco aktiv, die Häuser und die Umgebung würden langsam Gestalt annehmen. “Das Miniatur Wunderland putzt sich von innen heraus.”

Bauarbeiten während des zweiten Lockdowns: Die Besucher können sich bei Wiederöffnung des Wunderlands unter anderem über einen neuen Fußboden freuen.

Bauarbeiten während des zweiten Lockdowns: Die Besucher können sich bei Wiederöffnung des Wunderlands unter anderem über einen neuen Fußboden freuen.

© Miniatur Wunderland Hamburg

Dabei denken alle natürlich auch an die Zukunft und an eine baldige Wiedereröffnung. Die Gebrüder Braun haben zum Zeitpunkt unseres Gespräches gehofft, Ende März wieder öffnen zu können. Sie hoffen auf begeisterte Gäste und “leuchtende Kinderaugen, wenn die Blaulichter angehen”, wie Gerrit erzählt.

Die aktuell wieder steigenden Infektionszahlen machen diesen Wunsch nun unmöglich. Eines aber lassen sich die Menschen vom Miniatur Wunderland nicht nehmen: ihren unbändigen Optimismus. “Dem größten Teil der Mitarbeiter geht es trotz der derzeitigen Situation sehr gut”, sagt Teamleiterin Carmen. Die Motivation, jetzt zu arbeiten, sei sehr groß, auch um Freunde und Arbeitskollegen wiederzusehen. 

Und Teresa, für die die Arbeit mit Modellen ein “Herzenswunsch” ist, betont, man sei wunderbar vom Miniatur Wunderland aufgefangen worden. Da verwundert es nicht, mit welchem Motto man laut Frederik Braun ins neue Jahr gegangen ist: “Mach das Beste aus dem, was andere Menschen als schlecht bezeichnen.” 

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