Rituelle Faustkämpfe: „Takanakuy“-Tradition: Warum die Menschen in Peru sich an Weihnachten prügeln

Im Süden von Peru, in der Provinz Chumbivilcas, feiert man Weihnachten mit einer farbenfrohen Zeremonie. Auf rund 3600 Metern Höhe kommen in der Andenregion in der Nähe von Cusco ganze Gemeinden zusammen. Die Einheimischen kleiden sich in bunten Trachten, tanzen zu traditioneller Musik, essen, trinken – und prügeln sich. Richtig gelesen. Höhepunkt der „Takanakuy“-Zeremonie sind Zweikämpfe, die die Peruaner untereinander austragen. Mit den körperlichen Auseinandersetzungen sollen alle Streitigkeiten, die das Jahr über aufkamen, beigelegt werden. 

„Takanakuy“-Kämpfe sollen Rechnungen begleichen

„Takanakuy“ ist ein Wort aus der indigenen Quechua-Sprache, das grob übersetzt „einander mit den Fäusten schlagen“ bedeutet. Im Lauf der Zeit haben sich die Kämpfe laut der Nachrichtenagentur „Reuters“ zu einem alternativen Justizsystem entwickelt: Die ländlichen Gemeinden haben oft keinen Zugang zu Strafverfolgungsbehörden, um ihre Streitigkeiten juristisch beizulegen. 

Deshalb begleichen sie ihre Rechnungen im Rahmen der öffentlichen Zeremonie jedes Jahr mit den Fäusten. In den kleinen Gemeinden Chumbivilcas „ist dies möglicherweise besser, als Seite an Seite mit jemandem zu leben, dem gegenüber man negative Gefühle hegt“, meint die „BBC“. Die Prügeleien sollen nicht nur Konflikte lösen, sondern auch die Bindung in der Gemeinschaft stärken und für mehr Frieden sorgen.

Auch Frauen dürfen teilnehmen

Während sich die einen den Schlagabtausch wegen rechtlicher Auseinandersetzungen liefern, geht es bei anderen um romantische, familiäre oder territoriale Rivalitäten. Manche kämpfen aber auch aus rein sportlichem Ansporn, um eines guten Kampfes willen – „oder weil sie betrunken sind“, schreibt „Vice„. Die Feierlichkeiten beginnen am 25. Dezember bereits früh am Morgen. 

Tausende Einheimische versammeln sich, meist in aufwendigen Kostümen gekleidet, und ziehen gemeinsam in Richtung Kampfarena. Die Mädchen flechten ihre Haare, ziehen Brokatröcke und Hüte an. Männer stülpen sich oft regenbogenfarbene Skimasken übers Gesicht und lederne Beinschützer über die Waden. Auf den Köpfen stellen sie manchmal tote Tiere zur Schau. 

Teilnehmen an den Kämpfen darf jeder. Es gibt weder Alters- noch Geschlechtergrenzen. Während die Prügeleien früher nur Männer zustanden, nehmen inzwischen mehr und mehr Frauen an dem Ritual teil. Die übrigen Bewohner der Gemeinde stehen um die Arena herum und jubeln den Kämpfenden zu. Zwar sehen die Auseinandersetzungen des „Takanakuy“-Festival ziemlich wild aus, Regeln gibt es trotzdem. 

Tatsächlich ähneln die Kämpfe eher einem Kampfsport-Sparring statt einer Kneipenprüglei. Nur Schläge und Tritte sind erlaubt. Die Auseinandersetzung endet, wenn einer der Kämpfer blutet, zu Boden fällt oder sich nicht mehr wehren kann. Ein Ringrichter hat das Geschehen im Blick und setzt die Regeln durch. Die Kämpfe sind in der Regel kurz und enden nach ein bis zwei Minuten. 

Der Groll soll dabei im alten Jahr zurückbleiben und das neue Jahr in Versöhnung empfangen werden. Deshalb endet jeder Kampf – egal ob Männer, Frauen oder Kinder – mit einer freundschaftlichen Umarmung.

Quellen: BBC„, „New York Times„, „Reuters„, „Vice

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