Größte Wahl der Welt: Auf dem Weg ins Göttergnadentum: Wie Indien unter Modi in die Hindukratie abdriftet

Seit einem Jahrzehnt herrscht Narendra Modi in Indien, sein Hindu-Fundamentalismus ist Staatsräson geworden. Die Radikalen wollen den Multikulti-Staat zur Einheitsnation schleifen – und werden dafür mit obszönen Mehrheiten belohnt.

Der Traum von einer hinduistischen Einheitsnation ist mitnichten neu und Narendra Modi auch nicht der erste, der sich in ihm verliert. Seit zehn Jahren bastelt der 73-jährige Premier mit dem Rauschebart an seinem Vermächtnis. Dass sich der Nationalist bei den laufenden Wahlen nach 2014 und 2019 das Triple und damit weitere fünf Jahre Handlungsspielraum sichert, gilt als sicher (die Hintergründe lesen Sie hier).

„Ethnische Demokratie“, so nennt sich das, was Modi sukzessiv aus dem Subkontinent macht. Theoretisch demokratisch, praktisch nicht für alle. Das klingt immerhin besser als Faschismus. Doch genau der droht das bevölkerungsreichste Land der Erde zu infizieren. Driftet Indien unter Modi in die Hindukratie ab?

Die Hindutva-Ideologie: Rezept des rechten Glaubens

Hindutva ist die Anleitung, nach der Modi sein Vermächtnis aufbaut. Anhänger der Bewegung, die sich mit „Hindutum“ oder „Hindu-Sein“ übersetzen lässt, streben nach einem Indien unter absoluter hinduistischer Vorherrschaft, eine „Hindurashtra“.

Architekt des radikalen politischen Hinduismus war Vinayak Savarkar. Der veröffentlichte 1923 ein Buch, in dem erstmals von einer rein-hinduistischen Nation die Rede war. Zu seinen engsten Vertrauten gehörte auch ein gewisser Nathuram Godse – der spätere Mörder von Mahatma Gandhi.

Nationalistisch, theokratisch, populistisch. Hindutva entzieht sich bislang einer handfesten Definition. Versucht man es doch, drängen sich unschöne Vergleiche auf. Oder, wie es Amit Singh, Sozialwissenschaftler von der portugiesischen Universität Coimbra, auf den Punkt bringt: „In Indien erfindet sich der Faschismus neu.“ Wer das Kind nicht beim Namen nennt, kann es auch nicht retten. Und vielleicht ist es ja auch längst in den Brunnen gefallen. Modi jedenfalls muss man nicht nur als Teil dieser Bewegung verstehen, sondern als ihr prächtigstes Gewächs. 

RSS und BJP – zwei Abteilungen derselben Firma

Wer andere ausschließt, braucht Türsteher. In der Hindutva-Bewegung erledigt das der Rashtriya Swayamsevak Sangh. Der RSS, oft als „das größte Freiwilligenkorps der Welt“ bezeichnet, ist seit rund 100 Jahren der paramilitärische Stoßtrupp der Ideologie. 

RSS-Vordenker Madhav Sadashivrao Golwalkar, besser bekannt als „Guruji“, veröffentliche in den 60ern ein Buch, in dem er die Überlegenheit des hinduistischen Blutes proklamierte und den „Rassenstolz“ der deutschen Nazis glorifizierte. Nun bedeutet die Überlegenheit des einen bekanntlich die Unterlegenheit des anderen. In ihrem Leitbild kritisiert der RSS bis heute eine vermeintlich „endlose Beschwichtigung der muslimischen Bevölkerung“ und strebt nach einem „hinduistischen Jahrhundert“.  

Während der RSS den Fundamentalismus in den Alltag prügelt, eroberte Hindutva mit der Bharatiya Janata Party das Parlament. Die BJP gilt als politischer Arm der Bewegung, die allermeisten Mitglieder durchliefen zuvor die RSS-Hierarchie. Seinerzeit auch ein Teenager namens Narendra Modi. „Er ist zu 100 Prozent ein ideologisches Produkt des RSS“, sagt Modi-Biograph Nilanjan Mukhopadhyay der „Los Angeles Times“. „Er hat ihre Ziele erreicht.“ Seit Modi am Ruder sitzt, hat sich die RSS-Mitgliederzahl eigenen Angaben zufolge verdoppelt und wächst jedes Jahr um weitere 25 Prozent. Der Premier und seine Minister rechtfertigen auf RSS-Veranstaltungen ihre Politik, der Staatshaushalt wird mit RSS-Zustimmung aufgestellt, hinduistische Schriften auf RSS-Wunsch in Schullehrplänen als historische Fakten verkauft. Mit anderen Worten: Der Hindu-Korps hat auch die letzten Winkel der Machtzentrale durchdrungen.

Inzwischen teilen sich die bis zu fünf Millionen Mitglieder in Dutzende Untergruppen auf, auch für Frauen, Jugendliche, Studenten gibt es Angebote. In ihren Zweigstellen, den sogenannten „Shakhas“, treffen sich die Anhänger nicht nur zum Rezitieren heiliger Mantras oder für gemeinsames Yoga. Die radikalsten „Bürgerwehrler“ überziehen das Land zusehends mit Gewalt. Ihr Ziel: Muslime.

Staatlich geförderter Hass auf Muslime 

Rund 14 Prozent der Inder bekennen sich zum Islam, immerhin fast 200 Millionen Menschen. Seit die BJP an der Macht ist, hat der sogenannte „Safran-Terror“ (angelehnt an die heilige Farbe des Hinduismus und somit an die Parteifarbe der BJP) extreme Ausmaße angenommen. „Indien sollte dem deutschen Beispiel folgen, um das muslimische Problem zu lösen“, zitiert Sozialwissenschaftler Singh Hindutva-Begründer Savarkar. Wer Faschisten zum Vorbild macht, schafft Faschisten.

Uniformierte RSS-Patrouillen und artverwandte Gruppen wie Shiv Sena und der VHP stoppen gewaltsam Rinder-Transporter, belästigen Menschen, die offen muslimische oder westliche Feiertage zelebrieren, attackieren Frauen, die ihrer Ansicht nach allzu freizügig gekleidet sind. Auch die Zahl der Lynchmorde hat Medienberichten zufolge drastisch zugenommen. Ein beliebter Slogan: „Nur ein Platz für den Muslim – der Friedhof oder Pakistan!“

Die BJP wirkt der Gewalt nicht entgegen, im Gegenteil. Hass wird inzwischen staatlich subventioniert. Einige Mitglieder beschimpfen ihre andersgläubigen Landsleute offen als „Verräter an der Nation“. Zwar hat Modi immer wieder halbherzig versucht, seine RSS-Vergangenheit unter den Teppich zu kehren und sich von der Gewalt seiner radikalen Glaubensbrüder zu distanzieren. Es bleibt gleichwohl bei einem Lippenbekenntnis. Aus gutem Grund.

Die Safranisierung Indiens

Das Safran-Orange symbolisiert im Hinduismus das Feuer, das die Menschen vom Bösen reinigt. Und die „Safranisierung“, die läuft ungebremst weiter. Wie in so vielen Ländern sehnen sich auch die Inder zunehmend nach einer „starken Hand“. Die Vaterfigur ersetzt Gevatter Staat. Laut einer Umfrage des US-amerikanischen Pew Research Center bevorzugen 85 Prozent der Inder eine autokratische Herrschaft.

Für diese Sehnenden hat der RSS mit Modi die perfekte Leitfigur inszeniert. Im Gegensatz zum Gros des politischen Establishments wurde er in eine niedere Kaste geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Modi vereint Widersprüche: Ein Mann der kleinen Männer, der trotzdem von sich selbst in der dritten Person spricht. Ein Mann, der mit den Hyperreichen klüngelt und gleichzeitig im Staatsfernsehen Yoga macht. Ob Modi den Hindu-Nationalismus groß gemacht hat oder der Hindu-Nationalismus ihn, spielt da letztlich keine Rolle mehr. Mit einer Zustimmungsrate von rund 75 Prozent ist er der populärste Regierungschef der Welt, seine BJP kommt dank Massenrekrutierung inzwischen auf angeblich 180 Millionen Mitglieder

Der Säkularismus ist in Indien der Verfassung verankert. Aber wie lange noch? Bereits jetzt lässt die BJP Schul-Geschichtsbücher umschreiben. Man braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich mögliche nächste Schritte auszumalen.

Weitere Quellen: „Association for Asian Studies„; „European Consortium for Political Research„; NPR; Georgetown University; „Los Angeles Times„; „New Yorker„; „Conversation

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