Dissoziative Identitätsstörung: „Ich habe mich lange gefragt, ob mein Leben in Ungewissheit nicht leichter gewesen wäre“

Viele Identitäten teilen sich einen Körper. Was nach Science Fiction klingt, ist für einige Menschen Realität, auch für die Bonnies. Sie leiden an einer „Dissoziativen Identitätsstörung“. Uns haben vier von ihnen ihre Geschichte erzählt. 

aufgezeichnet von Leonie Zimmermann

Wer kennt sie nicht, die inneren Stimmen, die sich vor allem vor wichtigen Entscheidungen gerne mal zu Wort melden – und so völlig gegensätzliche Ansichten vertreten. Wir alle haben verschiedene Persönlichkeitsanteile, die nicht immer an einem Strang ziehen. Was aber, wenn sich das Ganze nicht nur in unserem Kopf abspielt, sondern so ausgeprägt ist, dass wir aus mehreren ausgeprägten Persönlichkeiten bestehen? Dann sprechen wir von einer „Dissoziativen Identitätsstörung„. Aber wie ist es eigentlich, Viele zu sein? 

Die Bonnies wissen das sehr gut, sie haben eine „Dissoziative Identitätsstörung“ und sprechen auf Social Media darüber, wie das ihr Leben prägt. Wie viele Bonnies es gibt, das wissen sie selbst nicht – immer wieder kommt ein neuer Charakter zum Vorschein. Wirklich greifbar wird das Ganze aber erst, wenn man ein paar von ihnen kennenlernt, wenn man sie sprechen hört und sieht, dass da wirklich unterschiedliche Charaktere in einer Person leben. Uns haben vier der Bonnies exklusiv mit in ihre Gedankenwelt genommen. In den nächsten Tagen lernen wir Tessa, Isa, Fiona und 46 etwas besser kennen. Diesmal ist Isa an der Reihe. 

Ich bin Isa und 20 Jahre alt. Das heißt, ich war die letzten Jahre immer ein kleines bisschen jünger als der Körper, der 24 Jahre alt ist, und bin dann mitgealtert. Wie es mir geht, weiß ich meistens nicht so richtig, mir fehlt das Gefühl dafür. Das liegt daran, dass ich immer nur sehr punktuell da bin und mich an die Zeit, in der ich nicht da bin, überhaupt nicht erinnern kann. Ich glaube, es geht mir aber ganz gut. Obwohl ich schon immer viel Trauer in mir trage, von uns allen. Dadurch weine ich oft, aber kann auch sehr intensive positive Gefühle haben, was für uns alle auch etwas Heilsames hat.  

Was ist eine Dissoziative Identitätsstörung?

Bei der „Dissoziativen Identitätsstörung“ existieren mehrere Identitäten in einer Person. Sie können sich wesentlich in Verhalten, Denkweise und Sprache unterscheiden und teilweise nicht an das Erleben der jeweils anderen erinnern. Früher war das Krankheitsbild als multiple Persönlichkeit bekannt. Dissoziation bedeutet grob gesagt eine Spaltung unseres Denkens, Handelns oder Fühlens. 

Die extreme Form der Dissoziation gilt als Traumafolgestörung. Das bedeutet, sie entsteht aus traumatischen Erlebnissen im frühen Kindesalter. Wenn Kleinkinder anhaltende sexuelle, physische oder psychische Gewalt erfahren, dann kann es passieren, dass sie ihre Persönlichkeit nicht ausreifen können, sondern in verschiedene Anteile spalten, um das Ganze besser verarbeiten zu können. 

Psychiater stellen die Diagnose auf Basis einer aufwendigen Anamnese und speziellen Fragebögen. Das Krankheitsbild ist äußerst selten, Schätzungen zufolge leiden etwa 0,5 Prozent der Menschen darunter. Allerdings gilt die Diagnose nach wie vor als umstritten unter Psychiatern, da sie nur schwer verifizierbar ist. Manche Experten gehen davon aus, dass sich Betroffene von einer Modeerscheinung beeinflussen lassen. Andere vermuten jedoch, dass die Dunkelziffer von Betroffenen weitaus höher sein könnte, da viele Psychiater Betroffene nicht ernst nehmen. Ist die Diagnose gestellt, kann eine Psychotherapie helfen, die Persönlichkeitsanteile zu integrieren oder zumindest eine Kooperation untereinander herzustellen.

Für mich ist das Viele-sein überhaupt nicht greifbar, das war es noch nie. Ich war schon immer ausschließlich für den Alltag zuständig. In der Schule war ich eigentlich meistens im Körper, auch in der Freizeit lange Zeit in meiner Jugend. Ich dachte, das Leben, das ich damals führte, sei alles. Mir war nicht klar, dass es auch Zeiten gibt, die ich nicht erlebe. Ich habe für diese Zeitlücken dann aber irgendwelche verrückten Erklärungen gefunden und mir zum Beispiel eingeredet, dass ich geschlafen habe oder einfach super vergesslich bin. Letztendlich waren das aber schon immer die einzigen Anzeichen des Viele-seins für mich.  

Verletzungen aus dem Nichts – oder? 

Na gut, abgesehen von dem Klinikaufenthalt etwa zwei Jahre vor der Diagnosestellung. Damals wurden wir von heute auf morgen aus unserem scheinbar traumhaften Leben gerissen. Einem Leben, in dem ich nur wenige Tage vorher unbeschwert meinen Abschlussball feierte und ein Leben führte, für das mich viele andere beneideten. Zumindest dachte ich das lange Zeit. Im Krankenhaus konnte ich deshalb meine schweren Verletzungen auch nicht erklären, weder der Arzt noch ich kamen auf die Ursache. Ich gab damals an, dass ich mich selbst verletzt habe. Ich wusste, dass es eine Lüge war – aber ich hatte keine Erinnerung mehr an das, was mir passiert ist. Das alles machte mich unfassbar traurig, ohne einen greifbaren Grund für meine Tränen zu kennen. Aber tief in mir drin wusste ich damals scheinbar schon, dass mein Leben nicht perfekt war.

Es dauerte noch zwei Jahre, bis wir mit 18 Jahren dann in einer Traumaklinik die Diagnose „Dissoziative Identitätsstörung“ bekommen haben. Bis dahin waren überwiegend Alltagspersonen wie ich draußen. Draußen sein bedeutet, dass man das Handeln des Körpers lenkt, in dem Moment also die Hauptperson ist. Wir hatten alle keine Ahnung davon, was uns alles Schlimmes widerfahren ist. Ich habe die Diagnose deshalb erstmal geleugnet, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass in mir drin so vieles ist, von dem ich nichts weiß und auf das ich keinen Zugriff habe. Ich habe mich lange gefragt, ob mein Leben in Ungewissheit über das Viele-Sein nicht viel leichter gewesen wäre, ob ich so glücklich wäre.  

Mittlerweile komme ich besser damit klar, weil es natürlich auch vieles erklärt – nicht nur die Zeitlücken, sondern auch den Schmerz, die körperlichen Einschränkungen oder die unterschiedlichen Handschriften in meinem Tagebuch. Ich kann es trotzdem noch immer nicht richtig greifen – und habe nach wie vor keinen Zugang zur Innenwelt. Das heißt, wenn ich nicht im Körper bin, dann bin ich einfach weg. Das ist nicht einmal so, als würde ich schlafen. Ich nehme diese Zeit absolut nicht wahr. Das nimmt mich manchmal ganz schön mit, weil ich ein sehr emotionaler Mensch bin und Lebenszeit so kostbar finde. Ich durfte schon so viele tolle Erfahrungen machen und mag mein Leben eigentlich. Aber ich weiß, dass ich es nicht für mich allein habe. Und wenn ich nicht da bin, weiß ich nicht, wann ich das nächste Mal wiederkomme. Es kann sein, dass ich mich gerade mit dir unterhalte und die beste Zeit meines Lebens habe und im nächsten Moment löst mich jemand ab und ich komme erst in zwei Wochen wieder. Oder in zwei Jahren. Und diese zwei Jahre sind für mich verschwundene Lebenszeit.  

Und es macht mir ehrlich gesagt auch Angst, dass ich nicht weiß, was da alles in mir drin noch so ist, zu dem ich keinen Zugang habe. Die Diagnose zu bekommen und zu erfahren, dass ich jahrelang Trauma erlebt habe und es nicht gemerkt habe, trotz Verletzungen am ganzen Körper, war ein Schock. Man muss dazu wissen: In der Zeit, in der mir das das erste Mal gesagt wurde, fanden die traumatisierenden Handlungen noch statt. Und ich habe es einfach nicht gecheckt. Stattdessen habe ich meine Illusion so lange aufrechterhalten, wie es ging. Ich frage mich deshalb manchmal, was da im Laufe der Zeit noch alles auftaucht, von dem ich jetzt noch nichts weiß. Welche Erinnerung von anderen Personen haut mich als nächstes aus den Socken? Das verunsichert mich und macht mich manchmal regelrecht verrückt. Aber ich habe das mittlerweile als mein Leben akzeptiert. 

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Der schwierige Umgang mit dem Trauma

Ich glaube viele von uns denken noch immer, dass wir nicht genug Lebenszeit haben, um all unsere Traumata zu bearbeiten. Das bedeutet, wir müssen Prioritäten setzen – und das ist manchmal hart. Aber darum geht es vielleicht ja auch gar nicht. Vielleicht ist es vielmehr unsere Aufgabe, uns ein Leben aufzubauen, das ein positives Gegengewicht schafft und unsere Vergangenheit aushaltbar macht. Ich zum Beispiel verbringe meine Zeit am liebsten in der Natur. Ich bin viel draußen und versuche so oft wie möglich, dieses Leben aufzusaugen. Das ist mein größtes Bedürfnis.  

Aber ich bin eben nicht allein. Deshalb wünsche ich mir von der Zukunft, dass auch die Bedürfnisse von den Personen erfüllt werden, die noch nicht so oft im Körper waren. Leider ist es nun einmal so: Wenn man Viele ist, bleibt immer irgendjemand auf der Strecke, man kann es nie allen Anteilen recht machen. Trotzdem hoffe ich, dass wir weiterhin versuchen eine gute Balance zu finden. Das haben wir zum Glück auch schon teilweise geschafft, wir sind auf einem guten Weg.  

Buchcover Bonnies

„Eine Bonnie kommt niemals allein. Meine Leben mit dissoziativer Identitätsstörung“, Bonnie Leben, erscheint am 24. Mai 2024 im Heyne Verlag, 256 Seiten, 16 Euro. 

© Heyne Verlag

All die Symptome und Erinnerungen sind dadurch erträglicher geworden. Die Gewissheit, dass wir rückblickend (im Außen) nie allein damit waren, macht mir Mut. Wir haben uns so oft einsam gefühlt und waren überfordert, aber wir waren nie wirklich allein. Unsere erste Therapeutin hat uns glaube ich in der Hinsicht das Leben gerettet. Einfach, weil sie da war und mir geholfen hat, zu verstehen, was da in mir los ist. Und das ist deutlich mehr, als man sich vorstellen kann.

Dieses Protokoll ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie zum Thema „Dissoziative Persönlichkeitsstörung“. Wir finden: Um auch nur im Ansatz verstehen zu können, wie es sich anfühlt, „Viele“ zu sein, sollte man mehr als nur einem der Persönlichkeitsanteile zuhören. Deshalb lassen wir vier der Bonnies zu Wort kommen – und uns von ihnen in ihre Welt mitnehmen. Im nächsten Teil lernen wir Tessa kennen. Sie ist erst zehn Jahre alt – und versteht den ganzen Erwachsenenkram noch nicht so ganz. 

Teil eins der Serie finden Sie hier

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